Montag, 7. Mai 2018

Die versteckten Briefe von Gina Ochsner

Eine rostige Blechdose mit Briefen? Eigentlich wollte der zwölfjährige Maris nur den Familienstammbaum sehen. Doch Inara beschließt, ihrem Sohn endlich die tragische Geschichte ihrer Familie anzuvertrauen. Sie weiß: Bei Maris, der mit seinen großen Ohren sogar die Geheimnisse der Toten zu hören vermag, ist sie gut aufgehoben. Und so erzählt sie: von Urgroßvater Oskars, der nach Sibirien verbannt wurde, weil er eine Bibel besaß; von Urgroßvater Ferdinands, der in ein Arbeitslager verschleppt wurde; von Aalfang bei Mondschein, heimlichen Küssen beim Sonnenwendfest – und von der Briefeschreiberin Velta, über die es hieß: Schweigen habe diese Frau verzehrt, als hätte sie einen Ozean aus Stille verschluckt.

Man könnte es ein Buch des magischen Realismus nennen, denn neben einer Familiengeschichte während des 2. Weltkriegs geht es hier auch um Mythen, Aberglauben und geheimnisvolle Fähigkeiten.
Der Junge Maris mit riesigen pelzigen Ohren wird an das Bett seiner sterbenden Mutter gerufen, und sie enthüllt die Geschichte der Familie. Dabei springt die Handlung zwischen den Personen, der Gegenwart und zahlreichen Rückblenden hin und her. Langsam werden Geheimnisse enthüllt, die nicht nur die Familie, sondern das ganze Dorf betreffen. Außerdem wird klar, dass Maris mit seinen großen Ohren Gedanken und Erinnerungen der Toten hören kann. Nebenbei erfährt man auch so einiges über Lettland.
Wenn ich sage langsam, dann meine ich das genauso. Das Buch nimmt sich sehr viel Zeit. Darüber hinaus braucht man so einiges an Geduld, um sich in den Rhythmus und den Erzählstil der Autorin zu finden. Dies ist eindeutig kein Buch für zwischendurch.

Wer die Ausdauer aufbringt, wird dafür mit einer wundervollen Geschichte belohnt. Aber manchmal hätte ich mir schon ein wenig mehr Zug gewünscht.