Montag, 26. März 2018

Das Buch der Schurken: Die 100 genialsten Bösewichte der Weltliteratur von Martin Thomas Pesl

Was wäre die Welt ohne Schurken? Unfassbar langweilig: Sherlock Holmes ohne Moriarty, Paris ohne Fantômas oder gar das Monster ohne Frankenstein? Im Herrn der Ringe würde vermutlich ununterbrochen gepicknickt, Alice würde den lieben langen Tag nur durchs Wunderland hopsen und Hannibal Lecter an Sojawürstchen knabbern. Schurken machen das Leben erst spannend, das unserer Helden und natürlich auch unseres. Martin Thomas Pesl hat die 100 genialsten und coolsten Bösewichte der Weltliteratur zur verschmitzten Schurkenparade versammelt. Mit Illustrationen und Schurkenskala.

Ein Buch der Schurken – klar, das musste ich lesen. Der Klappentext (siehe oben) kam locker flockig daher, genau so, wie ich es mag. Auch die Sprache im Buch ist leicht und humorvoll.
Die zahlreichen Illustrationen von Kristof Kepler sind eher kindlich, aber nett anzusehen.
Was mir allerdings gar nicht gefiel, war das Schriftbild. Der Druck ist verdammt klein – man fühlt sich an die Bleisatzwüsten von Manesse erinnert, auch wenn das lesen durch einen Zweispaltendruck erleichtert wird. Dazu kommen Papierblätter, die so dünn sind, dass der Text der Rückseite durchscheint. Das lässt das Buch billig wirken und vermittelt den Eindruck, dass man möglichst Papier – und damit Kosten – sparen wollte.

Aber nun zum Inhalt. Ohne Schurken wäre ein Krimi kein Krimi, klar. Aber auch alle anderen Romane werden doch erst so richtig spannend, wenn ein Schurke mit dabei ist. Und wie könnte ein Held ein Held sein, wenn es keinen Schurken gäbe, den er bezwingen muss? So gesehen war ein Buch wie dieses längst überfällig. Immerhin hundert Schurken sind hier versammelt, eine subjektive Wahl. Warum zum Beispiel Frau Rottenmeier aus Spyries Buch Heidi ein Oberschurke sein soll, ist mir nicht klar. Sie ist streng, ja. Aber boshaft, hinterhältig, gemein – also richtig böse? Nein, beim besten Willen nicht. Und warum es Voldemort aus Harry Potter nicht ins Buch geschafft hat, sondern 'nur' Dolores Jane Umbridge, die Lehrerin für das Fach „Verteidigung gegen die dunklen Künste“, bleibt mir auch ein Rätsel.
Dazu kommt eine gewisse Oberflächlichkeit. Warum Hans Christian Andersen das Vorbild für Uriah Heep (die Figur, nicht die Band) in Charles Dickens David Copperfield sein soll, hätte mich schon interessiert. Das wird aber nur erwähnt, erklärt wird es nicht.

Das Buch selbst versteht sich als Nachschlagewerk. Es scheint aber recht ungeordnet, denn es ist nicht nach dem Alphabet, sondern nach der Zeit geordnet, in der es geschrieben wurde. Dabei muss man aber auch beachten, dass man vorher das richtige Unterkapitel findet. Man hat die Wahl zwischen: Gierig, Rachsüchtig, Despoten, Berserker, Egoschweine, Erziehungsberechtigte, fatale Frauen, Psychopathen, Ungreifbare, verrückte Wissenschaftler, Über- und Unterirdische und Könige des Verbrechens. Wer da unsicher ist oder keine rechte Ahnung hat, wann das Buch geschrieben wurde, dessen Schurke er sucht, wird sich schwer tun.

Insgesamt ist das Buch wirklich amüsant zu lesen und vermittelt einen ersten Überblick, was so alles ein Schurke sein kann. Außerdem gibt es einen hübschen Anstoß, mal über die Schurken dieser Welt nachzudenken. Es ist ein guter und witziger Einstieg. Wer aber mehr sucht, als eine oberflächliche Beschreibung, sollte lieber bei „Schurken-Wiki“ (http://de.schurken.wikia.com) vorbeischauen.