Montag, 27. November 2017

Die Drud - Alpdrücken (nicht nur) auf Bayrisch


Wenn die Drud dich drückt...

Es ist dunkel, der Morgen noch fern. Ich liege im Bett und schlafe – aber es ist kein erholsamer Schlaf mit süßen Träumen. Nein, mich beutelt ein beklemmender Alptraum. Wie herrlich, wenn man wieder erwachen und sich sagen kann: keine Angst, es war alles nur ein Traum. Man holt tief Luft, atmet erleichtert aus und schlummert wieder ein. Und mit ein bisschen Glück kommt der Alpdruck nicht wieder.

Aber wie kommt es, dass wir überhaupt manchmal so entsetzliche Träume haben, dass wir in Atemnot geraten, uns ängstigen, gar glauben, ersticken zu müssen?
Hat die rationale Wissenschaft recht, die behauptet, das käme nur von unbewältigten Problemen, die unser Hirn des Nachts zu verarbeiten sucht? Oder stimmt die weitverbreitete Annahme, dass solche Träume von zu schwerem und zu spätem Essen kommen? Kann natürlich sein. Aber manchmal ist auch etwas ganz anderes daran schuld: eine Drud, eine Mahrt oder vielleicht ein Schrättele – je nachdem, wo der Träumer wohnt.

Bei uns in Bayern sind es zum Beispiel die Druden. Meistens sind es Frauen und sie tun es nicht aus Jux und Tollerei. Schuld ist vielmehr ein Fluch. Dabei genügt es nach gängiger Meinung, wenn man als Mädchen noch sechs Schwestern hat – schon kann es einen treffen (oder eine der Schwestern). Eine Hexe, die einen nicht leiden mag, kann aber auch dahinter stecken oder eine böse Fee. Das Ergebnis ist jedenfalls immer dasselbe: die Seele eines so verfluchten Mädchens verlässt allnächtlich den Körper, um einen anderen Menschen, ein Pferd oder einen Baum zu suchen, den sie „drücken“ kann, ja, drücken muss, bis er ächzt. Menschen, die als Druden unterwegs sind, wissen in der Regel davon, verheimlichen ihr Tun aber zwanghaft vor ihren Mitmenschen. Dabei wäre jede Drud froh, diesen Fluch loszuwerden. Nur ist nicht so einfach. Es ist ja nicht so, dass eine menschliche Gestalt sich auf den Schläfer legt oder wenigstens etwas augenscheinlich besonders Großes oder Schweres. Die Drud kann vielmehr die Gestalt eines Rauchwölkchens, einer Feder, einer Hummel oder eines Strohhälmchens haben. Und das zu finden und im rechten Moment zu erwischen, ist nicht einfach. Schon gar nicht, wenn man ja eigentlich schläft.

So groß das Mitleid im allgemeinen für diese unfreiwilligen Peiniger ist, versucht man in Anbetracht der Schwierigkeiten doch lieber, sie vom Drücken abzuhalten, statt sie zu erlösen (genauer gesagt, sie davon abzuhalten, einen selbst zu drücken – bei anderen darf sie sich aber schon austoben). Ist ja auch einfacher, Abwehrmaßnahmen zu ergreifen, statt sich nächtelang auf die Lauer zu legen, um einen Strohhalm zu erwischen – und wenn man wach bleibt, kommt der wahrscheinlich noch nicht mal vorbei.

Man wehrt die Drud ab, indem man einen Drudenfuss über dem Bett, am Türrahmen oder dem Fenster anbringt oder ein Drudenmesser neben sich ins Bett legt.
Der Drudenfuss (mittelhochdeutsch trutenvuoz), auch Pentagramm, Albfuß oder Pintakel genannt, ist ein fünfzackiger Stern, der aus fünf geraden Linien gebildet wird, von denen jede sich mit zwei anderen über- bzw. unterschneiden, so dass sich das Zeichen in einem Zug ziehen lässt.
Das Drudenmesser ist ein geschmiedetes Messer, auf dessen Klinge neun Halbmonde und Kreuze eingestanzt sind. Es lässt sich übrigens auch noch für anderweitige Späße einsetzen: wenn man es nämlich in einen plötzlich entstehenden Wirbelwind hochwirft, muss die Windsbraut, die den Wirbel verursacht, herunterfallen. Ob sie darüber sehr erfreut ist und ob man sich dann notfalls mit dem Messer auch gleich gegen sie wehren kann, ist jedoch nicht bekannt.

Es soll auch ganz gut helfen, die Hausschuhe vor dem Schlafengehen verkehrt herum hinzustellen, denn die Drud muss erst die Hausschuhe des Schläfers überstreifen, bevor sie zu ihm ins Bett steigen kann. Ein anderes Mittel ist, die ganze Nacht lang drei Kerzen im Zimmer brennen zu lassen. Dann kommt bestimmt keine Drud. Zwar brennt dann vielleicht das Haus ab – aber bis dahin schläft man wenigstens gut. Man kann natürlich auch alle Spalten, Ritzen und Löcher in der Zimmerwand verstopfen, denn dann findet die Drud keinen Eingang. Hat man aber einen noch so feinen Riss übersehen, wird die Drud ihn aufspüren und erst recht herein kommen. Sehr sicher ist diese Methode also nicht gerade.

Hat man aber erst einmal entdeckt, welche Unglückliche als Drud umgehen muss, sollte man eilig zur Rettung schreiten – schon damit die Ärmste auch einmal zum Ausschlafen kommt. Am offensichtlichen Schlafmangel kann man Druden übrigens auch am ehesten erkennen: sie sind blass und übernächtigt, magern ab und sind den ganzen Tag erschöpft (aber bitte jetzt nicht jeden unausgeschlafenen Kollegen, der gerade eine Diät macht, verdächtigen).
Der Fluch ist zu lösen, wenn man der Drud sozusagen eine Möglichkeit zum ultimativen Drücken gibt. In manchen Gegenden reicht dazu ein umgestürzter Baum, an den man die Drud, die sich dann benimmt wie ein Schlafwandler, führt. In manchen Gegenden schwört man aber auch auf einen schwarzen Hahn, den die Drud erdrücken muss.

Manchmal aber sind es auch ganz individuelle Erfordernisse, um eine Drud zu erlösen.
So gab es zum Beispiel einmal eine arme Wäscherin, welche ein altes Pferd hatte, das ihr die Wäsche hin und her trug. Außerdem hatte sie eine Gehilfin, mit welcher sie oft bis tief in die Nacht wusch. Eines Nachts, als es schon stark auf Mitternacht ging, und die beiden wieder fleißig wuschen, wurde die Magd immer unruhiger, wich aber den wiederholten Fragen über ihre Unruhe jedes Mal aus. Endlich, als die Turmuhr zwölf schlug, wurde sie ganz blass und starr, die Wäsche fiel ihr aus den Händen, und sie blieb wie angewurzelt, mit geschlossenen Augen, vor dem Waschtrog stehen. Die erschrockene Wäscherin schüttelte sie und, als das nichts half, ohrfeigte sie sogar, aber ohne Wirkung. Die Gehilfin kam erst eine Stunde nach Mitternacht wieder zu sich und wusch dann wieder fort wie früher. Die Wäscherin fragte nun, was für eine Bewandtnis es mit jenem seltsamen Schlafe habe. Und nach einigem Hin und Her gestand das Mädchen, dass sie eine Drud sei, und jede Nacht drücken gehen müsse, sie könne aber dadurch erlöst werden, dass ihr jemand freiwillig erlaube, ein Tier, welches ihm sehr nützlich oder sonst sehr wert sei, zu erdrücken. Mit schwerem Herzen erlaubte die Wäscherin der Drud, ihr einziges Pferd zu erdrücken, was diese auch wirklich in der nächsten Nacht tat. Durch dieses große Opfer war die Drud erlöst, und brauchte nie mehr drücken zu gehen.

Außerhalb Bayerns gibt es natürlich auch Alpträume, verursacht von Nachtalben, wie der Überbegriff für diese Wesen lautet. Da ist zum Beispiel die Mahrt (oder auch Nachtmahr), die sich als kleines schwarzes Wesen auf die Brust norddeutscher Männer setzt und drückt.
Das „Schrätteli“ aus vielen Sagen des Schwarzwaldes gehört ebenfalls zu den Nachtalben. Auch hier handelt es sich meist um eine weibliche Person, die ihren Körper verlässt und in Gestalt eines Strohhalms durch das Schlüsselloch in die Schlafzimmer ihrer Opfer eindringt. Dort angekommen plagt und „drückt“ sie ihre Opfer bis zur völligen Erschöpfung. Dem Schrätteli wird außerdem nachgesagt, dass es oftmals das Vieh im Stall drückt um sich dort Erleichterung zu verschaffen, wenn es keinen Menschen drücken kann.
Das Toggeli ist eine Sagengestalt in den Schweizer Alpen, die auch zu den Nachtmahren zählt. Das Toggeli ist jedoch männlich und verhält sich gegenüber Mensch und Vieh aggressiv und bösartig. Es setzt sich dem Menschen auf die Brust, bis er nicht mehr atmen kann. Tiere im Stall plagt es auf verschiedenste Weise. Gegen das Toggeli soll neben den auch in Bayern bekannten Gegenmaßnahmen auch helfen, im Stall eine an die Türe gelehnte Sense mit Dengel nach oben zu stellen. Zumindest für die Tiere. Ob dergleichen auch im Schlafzimmer hilft, ist aber nicht bekannt.

Sollte ich noch mal alpträumen, probier ich das mal aus ...