Montag, 20. November 2017

Atlas der erfundenen Orte: Die größten Irrtümer und Lügen auf Landkarten von Edward Brooke-Hitching

Kalifornien als Insel, versunkene Königreiche und das irdische Paradies – diese und andere gefühlten Fakten haben Kartografen quer durch die Jahrhunderte fein säuberlich in ihren Atlanten festgehalten. Dabei hatten manche dieser Phantome ein erstaunlich langes Leben. Nach einer im 17. Jahrhundert der Phantasie entsprungenen Insel im Golf von Mexiko etwa hat man bis 2009 gesucht. Dann gab man sich geschlagen. Wo nahm der Irrglaube seinen Anfang? Warum wurden geografische Orte aufgezeichnet, die es gar nicht gab? Und was faszinierte die Menschen an all den bizarren Geschichten und Gestalten? Die hier vorgestellten historischen Karten präsentieren neben mancher tatsächlichen Entdeckung von Reisenden und Forschern vor allem Erfindungen und Irrtümer. Zusammen mit spannenden Begleittexten ergeben sie ein amüsantes Buch zum Blättern, Staunen und Wundern.

Schon immer habe ich gerne alte Karten angeschaut, auf denen neben Landmassen auch Seeungeheuer, Siapoden, Drachen und was weiß ich noch eingezeichnet sind. Natürlich kenne ich die Legende von Atlantis und ich weiß auch, dass man vor der Entdeckung Amerikas davon ausging, dass es ein Land geben müsse, dass Europa auf der Kugel sozusagen gegenüber liegen muss, um das Gleichgewicht der Erdkugel zu halten. Ich habe auch schon vom Magnetberg gehört, der angeblich in der Antarktis sein soll oder von einer unterirdischen Welt, die ein Spiegelbild unserer oberirdischen sein soll. Kein Wunder also, dass mich dieses Buch magisch anzog.

Ich wurde nicht enttäuscht. Zahlreiche Länder und Völker, die es nie gegeben hat, werden hier angesprochen. Meist handelt es sich um Inseln, die von Schiffsmannschaften sozusagen im Vorbeifahren gesichtet worden sind, was manchmal tatsächlich schon gereicht hat, um diese Inseln auf Seekarten auftauchen zu lassen. Denn nie hat jemand behauptet, diese Inseln tatsächlich betreten zu haben – und nie hat sich jemand darüber gewundert, dass kein einziger Beobachter neugierig genug war, um mal wirklich auf der Insel zu landen.

Überhaupt ist das der Kern des Buches: ungenaue Kartographie. Manchmal trat da einfach Wunschdenken an die Stelle nüchterner Wissenschaft, die zu einem riesigen Binnenmeer in Australien führte, oder zu einem Phantom-Salzfluss, der vom Pazifik nach Utah führte, um den Großen Salzsee zu erklären. Die Inseln hatten eine erstaunliche Angewohnheit zu erscheinen und zu verschwinden und Afrika war für Generationen von Kartenmachern mit einer Bergkette versehen worden, die es nie gab!
Noch verblüffender ist ja, dass sich so manche Phantom-Insel sogar jetzt – in den Zeiten von Google-Earth – noch in manchen Köpfen hält.
Ein charmantes Detail mitten im Buch ist außerdem ein Kapitel, dass sich mit den Fabelwesen beschäftigt, die auch so oft und gerne auf alten Karten zu finden sind. Von Seeschlangen, -schweinen, -kühen, -einhörnern usw. bis hin zum berühmten Charybdis aus der Odyssee ist so ziemlich alles zu finden. Bei der Vielzahl wundert man sich, dass sich überhaupt noch jemand aufs Meer getraut hat. Man fragt sich aber auch, wie all diese menschenverschlingenden Monster überleben konnten, bevor Schiffe die See befuhren.

Der Autor erklärt sehr gut und amüsant, wie die Missverständnisse um die diversen Inseln etc. entstanden sind. Im Großen und Ganzen ist es sehr unterhaltsam. Allerdings würde ich es nicht in einem Zug durchlesen, denn irgendwann kommt man mit den Inselnamen und den verschiedenen 'Entdeckern' durcheinander. Also immer mal wieder ein Kapitel lesen und sich dabei unbedingt auch die Zeit nehmen, die dazugehörigen, abgebildeten Karten zu studieren.