Montag, 5. Juni 2017

Dunkle Halunken: Sammlerausgabe mit 'Jack Dodgers London Guide' von Terry Pratchett

Dodger ist ein Straßenjunge – doch nicht irgendeiner. Während eines Überfalls in den nächtlichen Gassen Londons rettet er einer Unbekannten das Leben, der betörend schönen Simplicity. Fortan setzt er alles daran, mehr über die Tat und die Herkunft der jungen Frau herauszufinden. Auf der Suche nach den Tätern bringt Dodger ganz nebenbei einen mörderischen Barbier namens Sweeney Todd zur Strecke und wird dadurch für ganz London zum Helden. Dies jedoch ruft einen geheimnisvollen Attentäter ebenso auf den Plan wie die Halunken, die Simplicity nach dem Leben trachten und ihren jungen Beschützer lieber früher als später tot sehen wollen ... Dieser Band vereint erstmals den Originalroman »Dunkle Halunken« und den einzigartigen Reiseführer »Jack Dodgers London Guide«, in dem der Held die schillernde, aber vor allem schmutzige Welt seiner Heimatstadt zeigt.

Der Roman Dunkle Halunken handelt von einem Straßenjungen im London zur Zeit von Charles Dickens. Und tatsächlich spielt Dickens auch mit. Überhaupt ist das Buch eine Hommage an diesen Schriftsteller, jedoch ohne ihn zu imitieren. Pratchetts ganz eigener Humor und seine teilweise sogar überspitzte Ironie passen hervorragend auch in diese Szenerie. Er kann nicht nur Fantasy, auch ein historischer Roman geht ihm leicht von der Hand.

Die Handlung wird in erster Linie aus der Sicht von Dodger erzählt, einem echten Straßenjungen, der sich seinen Lebensunterhalt vor allem in der Kanalisation von London verdient, ein Teenager, der täglich mit Armut, Schmutz und Widrigkeiten konfrontiert wird, sich aber doch ein goldenes Herz und ein ausgeprägtes Ehrgefühl bewahrt hat.

Von all den anderen Figuren im Roman ist mir vor allem die des Solomon positiv aufgefallen. Er ist ein gebildeter, warmherziger Mensch jüdischen Glaubens. Hier zeigt sich besonders, das Pratchett ein Meister seines Faches ist. Jüdische Figuren in Romanen dieser Zeit, leider auch bei Dickens, werden oft als kriecherisch und verschlagen dargestellt. Als Beispiel hierfür sei nur Fagin genannt, der in Oliver Twist eine Bande von Kindern als Taschendiebe für sich arbeiten lässt. Pratchetts Solomon entspricht in mancher Hinsicht tatsächlich den damaligen Klischees über jüdische Menschen: Er ist geschickt im Umgang mit Menschen und ein begnadeter Feilscher, der auch Hehler zu seinen Bekannten zählt. Und doch hat er hohe moralische Grundsätze und steht Dodger in so mancher Situation hilfreich zur Seite, ohne an seinen eigenen Vorteil zu denken. Pratchett hebelt das Vorurteil sehr geschickt aus und widerlegt es. Wie auch in den Scheibenweltromanen zeigt sich auch hier beim genaueren Hinsehen eine moralische Tiefe unter der humorvollen Oberfläche.

Neben diesem gelungenen und spannenden Roman findet sich in diesem Buch auch noch den Jack Dodgers London Guide mit Pratchetts den Funden und Notizen zu seiner Recherche für den Roman. Hier findet sich so Interessantes wie zum Teil auch Unglaubliches zum London des 19. Jahrhunderts. Vom Lebensstil des Adels bis zur Armut der Unterschicht ist alles vorhanden. Sogar die Unterwäsche der Frauen wird erwähnt (schrecklich, was es da an Polstern und Federungen so gab), oder die damals übliche Währung, die einen am Dezimalsystem zweifeln lässt.

Am Ende kommt man zu der Überzeugung, dass die Realität damals weitaus bizarrer und unglaublicher war als alles, was Pratchetts Phantasie entwickeln könnte.

Den Giude gibt es auch als eigenes Buch. Aber es ist schön, wenn man beides so passend beieinander hat und auch mal vergleichen kann, wie es damals war und was der Autor daraus gemacht hat.

Ganz klare Leseempfehlung also!


 

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