Donnerstag, 2. März 2017

Die Isarnixe

Wenn sich die langen, warmen Sommertage lang­sam ihrem Ende zuneigen und der Herbst Einzug hält, dann kann ein Spaziergänger in den Isarauen zwischen Harlaching und Thalkirchen manchmal einen eigenartigen Lock­ruf verneh­men, der ihn überrascht und bezaubert den Schritt verhalten und lauschen lässt:
»Tutli - i - i, Tutli - i - i!«
Seltsam fesselnd und geheimnisvoll klingt diese sanfte Stimme, und jeder ist versucht, ihr nachzu­gehen, um ihre Urheberin zu erblicken. Es ist nicht der Ruf eines seltenen Wasservogels - wie phantasielose Leute behaupten - es ist der lieb­liche Gesang der Isarnixe, des verwunschenen Burgfräuleins von Grünwald.
Es war vor etwa 500 Jahren - um 1487 -, da ver­mählte sich der Bayernherzog Albrecht IV. mit Kunigunde, der Schwester des späteren Kaisers Maximilian I. Die Großen und Mächtigen des gan­­­­zen Landes kamen aus diesem Anlass in Mün­­chen zusammen und nahmen an der glanz­vollen Hochzeit teil. Viele Tage dauerte die Feier. Von überall her reisten berühmte Künstler, Spielleute und fahrende Sänger an, um der erlauchten Gesellschaft zum Tanze aufzuspielen und die Gastmähler mit ihrer Musik zu verschönern.
Unter ihnen war ein junger Mann von edlem Geblüt, der es wie kein anderer verstand, der Sackpfeife die lieblichsten Melodien zu entlocken. Er konnte auch die verschiedensten Tier- und Vogelstimmen täuschend ähnlich nachmachen. Jeden Tag war er von begeisterten Zu­hörern umringt, die sich an seiner Kunst erfreuten. Unter ihnen befand sich oftmals auch das Edelfräulein von der Burg Grünwald. Und wenn der junge Spielmann das schöne Mädchen erblickte, musizierte er besonders gerne, denn er hatte vom ersten Augenblick an, da er sie gesehen, sein Herz an sie verloren.
Eines Tages, als der Herzog eine Jagd bei Grünwald veranstaltete, fand der Jüngling endlich Gelegenheit, dem heimlich verehrten Fräulein seine Liebe zu gestehen. Die edle Dame fühl­te sich zwar geschmeichelt, hielt sich aber für zu gut für den Musiker. Daher antwortete sie hochmütig:
»Ich will nur einem Manne gehören, der bereit ist, sein Leben für mich zu wagen!«
»Mein Leben ist Euer«, rief der Spielmann feurig, »ich will tun, was immer Ihr auch von mir verlangt!«
Da riss sie, einer plötzlichen Eingebung folgend, ihr kostbares Geschmeide vom Hals und warf es lachend in die Isar, die an dieser Stelle besonders reißend und gefährlich
war.
»So bringt mir meine goldene Kette wieder«, verlangte sie spöttisch, »und ich will Euren Liebesschwüren Glauben schenken und Euch erhören!«
Ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen, sprang der Spielmann in die Fluten und tauchte tollkühn nach dem Schmuck des Edelfräuleins. Aber weder er noch das Geschmeide kamen jemals wieder aus den wilden Strudeln des Flusses zum Vorschein. Vergebens harrte das herzlose Mädchen auf die Rückkehr des unglücklichen jungen Mannes, den es mutwillig in den Tod geschickt hatte.
Doch die edle Dame entging der gerechten Strafe nicht. Drei Tage nach dem Vorfall war sie mit einem Mal verschwunden, so spurlos, als hätte sich der Erdboden geöffnet und sie verschlungen. Von Stund an aber war an der Isar der geisterhafte Lockruf »Tutli - i - i« zu hören, manchmal ganz nah und verführerisch aus dem Schilf, manchmal fern und unwirklich von der anderen Seite des Flusses her.
»Das Tutli-Pfeiferl«, raunten sich dann die Einheimischen zu, wenn sie diese Stimme vernahmen, »das verwunschene Burgfräulein sucht wieder ein Opfer!«
Und sie bekreuzigten sich schaudernd, wenn sie an den Unglücklichen dachten, den die schöne Nixe durch ihren zauberhaften Gesang in ihre Netze und damit in den nassen Tod lockte.
»Sie ist wunderschön«, erzählten sie, »mit ihren großen grünen Augen und den langen grünen Haa­ren, die funkeln, als seien sie mit Sonnen­stäub­chen vergoldet. Eine Traumfigur hat sie mit einem anmutigen, langen Hals, aber auch einen glitschigen Fischschwanz, statt langer Beine. Sie wohnt in der finsteren Nixenhöhle bei Großhesse­lohe, zusammen mit ihrem Gemahl, dem Wasser­mann, einem grantigen (= übellaunigen) Burschen, der kein gutes Wort für sie hat.«
Die Flößer, die früher aus den Bergen die Isar he­rab­fuhren, kamen von jeher ungern durch das Ge­biet der Wassernixe. Nach altem Glauben war näm­­lich derjenige, der die Stimme des zauberhaf­ten Wesens hörte, bei seiner nächsten Floßfahrt dem Tode geweiht und musste elendiglich ertrinken. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts standen am Wehr bei der Marienklause verschiedene Marterl, die an das unglückliche Schicksal vieler Flößer mahnten, denen die Schönheit und der Gesang der Nixe zum Verhängnis geworden war.
Nur einem jungen Flößer aus Lenggries gelang es einmal, ihrer Macht zu entrinnen. Sie er­schien ihm in Gestalt seiner Braut, er aber durchschaute den höllischen Spuk zur rechten Zeit und konnte dadurch in letzter Minute sein Leben retten.
Die Flößer schützten sich vor dem Zauber der grünäugigen Sirene, indem sie geweihte Gegenstände mit sich trugen oder sich bei der gefährlichen Stelle die Ohren verstopften, sich bekreuzigten oder laut beteten, um die Lockrufe zu übertönen.
Doch immer wieder forderte der reißende Fluss gerade an dieser Stelle besonders viele Opfer.

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