Montag, 13. März 2017

Bomarzo - der Park der Ungeheuer


Nicht weit von dem kleinen italienischen Ort Bomarzo findet sich ein ganz besonderer Wald. Noch heute geben seine Figuren und Bauten Rätsel auf. Es gibt eine Menge Abhandlungen und gelehrte Meinungen, das die einzelnen Kunstwerke zu bedeuten haben. Aber vielleicht ist es ja auch viel einfacher – vielleicht steckt hinter allem ja einfach der Glaube an die Anderwelt! Versuchen wir doch mal eine ganz eigene Interpretation.


Fährt man von der Toskana kommend südlich Richtung Saturnia, gelangt man in die Region Latium, und dort findet man dann vielleicht auch den Weg nach Bomarzo. Der kleine Ort liegt auf einem Tuffhügel an den Ausläufern der Monti Cimini. Durch enge Gas­sen kommt man zu einer sehenswerten romanische Kathedrale oder zum Palast der Orsini, gebaut im 16. Jahrhundert auf den Resten einer mittelalterlichen Burg. Wie der Name des Palastes schon verrät, geboten die Orsini über dieses Gebiet, eine kunstsinnige Familie mit besonderem Geschmack. Einer von ihnen, Vicino Orsini, ließ etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt einen ganz besonderen Garten anlegen, den Parco dei Mostri (Park der Ungeheuer) oder Sacro Bosco (Heiliger Wald), wie er auch genannt wird.


Die Geschichte des Parks

Einer Legende nach wollte der Adelige etwas ganz Besonderes zum Andenken an seine verstorbene Frau Giulia schaffen. Eine andere besagt, er wollte seiner Tochter einen außergewöhnlichen Zeitvertreib bieten. Und eine dritte Version nennt als Grund, dass Orsini eine eigene Welt haben wollte, in der sich vor der Welt zurückziehen konnte. Wie auch immer, er wandte sich jedenfalls eines Tages hilfesuchend an den Maler, Archäologen, Architekten und Gartenarchitekten Pirro Ligorio, der in Michelangelos Werkstatt in San Pietro in die Lehre ging. Der hatte zufällig zwischen 1552 und 1585 noch ein paar Termine frei und machte sich an die Gartengestaltung. Der Garten ist denn auch ein mit skurrilen Monumentalskulpturen und antikisierenden Architekturen ausgestatteter Park im Stil des Manierismus – so nennt man die Übergangs-Stilform zwischen Renaissance und Barock, also die Zeit so zwischen 1515 und 1600. Fürst Vicino Orsini, ein Verehrer von Ludovico Ariosto und seiner Dichtung „Orlando Furioso“, war verzauberten und unglaublichen Dingen sehr zugetan. Und so sieht noch heute sein Park aus: hier ist zweifellos die Anderwelt zu Hause.


Landschaft und Architektur wimmeln nur so von grotesken Gestalten, phantastischen Bauwerke und rätselhaften Sinnsprüchen. Faune, Nixen und Drachen tummeln sich neben Giganten und Göttinnen. Gebäude, die scheinbar allen Naturgesetzen trotzen erheben sich neben Toren, die in eine andere Welt führen.

Begegnungen am Wegesrand 

Auf einem Weg durch einen quadratischen Obstgarten gelangt der Besucher über einen kleinen Bach (Fosso della Concia) in den eigentlichen Park. Begrüßt wird man von einem zähnefletschenden, riesigen Meermann und zwei Sphingen. Hinter ihnen warten ca. dreißig weitere Skulpturen und architektonische Kompositionen aus Vulkangestein auf einem kaum zwei Quadratkilometer großen Areal. Nach einigen Monumentalskulpturen (kämpfenden Giganten, einer Frauengestalt auf einer Schildkröte und einem Pegasus), Nymphen und Brunnen ist ein kleines Theater im griechischen Stil über bemooste Stufen zugänglich. Nördlich eines schiefen Hauses (Casa Pendente) erstreckt sich eine von griechischen Vasen umgebene Terrasse, um die sich weitere Monumentalplastiken gruppieren: Neptun, ein Delphin, eine schlafende Frau, ein Drache und ein Elefant.


Weiter nördlich kann der Besucher in den aufgesperrten Rachen des Orcus hinabsteigen - eine dunkle Kammer. Wieder draußen, quert er eine Freifläche mit einer monumentalen griechischen Vase in der Mitte; vorbei an einer so genannten "etruskischen Sitzbank" (Herkunft und tatsächliche Funktion unklar) schließt der Rundweg nach Westen zu einer weiteren Terrasse auf, begrenzt von steinernen Pinienzapfen und Eicheln. Wiederum ist diese Terrasse von Skulpturen umgeben, nämlich Cerberus mit zwei Köpfen, zwei Furien, zwei Bären mit dem Familienwappen der Orsini, Löwen und Sirenen.


Auf einer Anhöhe liegt eine Rotunde, von der sich ein weiter Ausblick auf den Stadthügel von Bomarzo öffnet. In einem Rundtempel liegt das Restauratoren-Ehepaar Bettini begraben. Ob er auch Mausoleum für Orsinis Gattin Giulia ist, wird aus überlieferten Andeutungen des Grafen vermutet, konnte aber bisher nicht nachgewiesen werden.


Was will der Wald uns sagen?

In einer Inschrift bei der etruskischen Bank scheint Vicino Orsini dem Besucher seine Intention zu erklären, für den durch die Welt Vagabundierenden einen Park der Wunder anlegen zu wollen (Voi che pel mondo gite errando vaghi di veder meraviglie alte et stupende). Auf der von Pinien­zapfen und Eicheln gesäumten Terrasse verrät eine andere Inschrift, dass es sich um einen Sacro Bosco (Heiligen Wald) handele.


Der gesamte Skulpturenwald steckt indes voller Inschriften, die im Übrigen mehr verwirren als erhellen. Zahlreiche Einzelinterpretationen sind bereits versucht worden, ein übergreifendes Konzept bzw. moralisierendes Programm, nach dem immer wieder gesucht worden ist, konnte am Ende aber nicht nachgewiesen werden.
In den Monumentalfiguren – vom Kampf der Giganten bis zum Orcus – sind jedenfalls Motive von Ariosts Rasendem Roland erkannt worden und eine Inschrift verweist auf "Anglante", wie der Held Roland alternativ bei Ariost genannt wird. Der Wald als Handlungsort, in dem wunderliche Dinge geschehen, nimmt beim Rasenden Roland schon eine Schlüsselrolle ein.Andere Kunstgriffe im Park verweigern sich jedoch logischer Zuordnung. Warum im Rachen des Orcus ein Tisch steht, der zum Bankett einlädt, ist beispielsweise ebenso befremdend wie der Spruch unter der Nase des Ungeheuers: Ogni pensiero vola – "Jeder Gedanke fliegt".


Vielleicht hat Orsini ja auch einfach nur durch einen Wirrwarr von Andeutungen und Darstellungen sich und dem jeweiligen Besucher den Übertritt in die Anderwelt erleichtern wollen. An der These ist schon was dran, denn in einer anderen Inschrift lässt Orsini genau diesen Punkt offen: Tu ch'entri qua con mente parte a parte et dimmi poi se tante meraviglie sien fatte per inganno o pur per arte – "Du, der Du Stück für Stück mit Verstand hier hereinkommst, sage mir hinterher, ob so viele Wunder aus Täuschungsabsicht oder um der Kunst willen gemacht worden sind". Da das italienische Wort außer "Kunst" aber auch "Zauber" (im ästhetischen wie im magischen Sinne) bedeuten kann, ist diese Aufforderung spitzfindig und doppeldeutig.


Magie, Mystik und Spleen verbinden sich jedenfalls auf originelle Weise. Dazu kommt noch ein Schuss dezenter Erotik (Der Park galt den Bauern jahrhundertelang als eine Teufelslandschaft sexueller Orgien). Und schon hat man eine kleine Zauberwelt, in der die eigene Phantasie Purzelbäume schlagen kann, während die harte Realität draußen warten muss.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen