Montag, 23. Januar 2017

Chroniken des Wahns – Blutwerk von Michael R. Fletcher

In der Welt der Wahnwirker gibt es nur eine unumstößliche Wahrheit: Wenn man fest genug an etwas glaubt, wird es Realität. Sei es ein Gott oder eine Wahnvorstellung. Und so fasst eine gefährliche Sekte den Plan, sich einen eigenen Gott zu erschaffen: ein Kind, das Hundertausende anbeten. Doch der Junge wird von drei Gesetzlosen entführt. So beginnt eine grausame Hetzjagd, angeführt von Geisteskranken. Und in einer Welt, in der der Wahnsinn regiert, ist ein Leben nicht viel wert. Nicht einmal das eines Gottes ...

Anscheinend müssen neuerdings alle Fantasybücher ein „Die Chroniken von ...“ im Titel haben. Warum? Die Übersetzung des Originaltitels „Beyond Redemption“ also „Jenseits der Erlösung“ wäre viel besser gewesen. Und was soll das Schwert auf dem Cover? Irgendwie sieht das Buch jetzt aus wie Dutzende andere dieses Genres. Dabei soll es doch etwas ganz anderes sein! Aber gut, man soll ein Buch ja nicht nach seinem Umschlag beurteilen und wohl auch nicht nach seinem Titel.

Eines war beim Lesen ganz schnell klar: Es ist gut geschrieben, fantasievoll, unerschrocken, innovativ. Der Autor geht ganz neue Wege und läuft niemals Gefahr, in die Tolkienschiene abzurutschen. Er geht das Risiko ein, etwas ganz Neuartiges zu schaffen. Seine Welt mitsamt der dahinter stehenden Logik ist dabei in sich stimmig und durchdacht.

Allerdings habe ich Probleme mit den Charakteren. Wenn alle verrückt sind, wo findet man dann noch Halt? Wenn alles geschehen kann, wie findet man sich dann noch zurecht? Der einzige normale – oder wenigstens nicht verrückte – Mensch in dieser Welt ist dermaßen unsympathisch, dass man sich mit ihm nicht identifizieren will. Ansonsten sind alle verblendet, widerlich, rücksichtslos, gierig und brutal. Na ja, und eben verrückt. Die Reaktionen sind unberechenbar – und das macht sie beliebig. Das wäre noch in Ordnung, wenn das Ganze witzig, humorvoll und charmant daherkäme. Da dies aber nicht der Fall ist (oder vielleicht ist es ja nicht meine Art von Humor und ich habe es einfach nicht erkannt), bleibe ich nur verwirrt bis angeekelt zurück.
Helden gibt es in diesem Buch gar keine, noch nicht einmal Antihelden. Damit wird es ganz beliebig, wer gerade stirbt, scheitert, Erfolg hat – es mach keinen Unterschied und ist dem Leser bald einerlei.

Dieses Buch ist eher ein Horrorroman, eine Dystopie – dunkel, gewalttätig, grob, brachial. Die Skala des Wahnsinns ist praktisch nach oben offen. Das ist bisher einzigartig, aber ist es genug?

Da es sich hier um einen Debütroman handelt, habe ich aber noch Hoffnung für den Autor. Kann ja sein, dass er jetzt erst einmal über das Ziel hinausgeschossen ist und vielleicht spielt sich ja alles bei der Fortsetzung ein. Faszinierende Einfälle sind ja genug vorhanden. Wenn jetzt noch ein roter Faden dazukommt, die eine oder andere Person, an der der Leser sich festhalten kann und eine – wenigstens kleine – Insel der Normalität, dann kann die Reihe noch ganz wunderbar werden.



1 Kommentar:

  1. Huhu!

    Mit dem Buch liebäugle ich bereits und trotz deiner kritischen Worte bezüglich der Charaktere hast du mich neugierig gemacht!

    Wünsch dir einen feinen Abend!

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