Montag, 12. Dezember 2016

Der Spieler von Fjodor M. Dostojewski

neu übersetzt von Alexander Nitzberg

Um ein Haar hätte es diesen Roman nicht gegeben. Damit er am Ende doch erscheinen konnte, verzichtete Dostojewskij nicht nur auf seinen ursprünglichen Titel – Roulettenburg –, er erfüllte auch das Ultimatum des Verlegers und schrieb den Roman in nicht mehr als 26 Tagen. Er brauchte das Geld, denn er war so spielsüchtig wie sein Held Aleksej Iwanowitsch, und er war nicht weniger verstrickt in eine unglückliche Affäre. Eben dieser authentische Hintergrund ist es, welcher der Geschichte um einen fiktiven deutschen Kurort namens Roulettenburg bei all ihrer Rasanz eine unentrinnbare Gravitation verleiht. Unwiderstehlich, unvergesslich.

Ok, wer Dostojewski ist, muss wohl nicht erwähnt werden. Dass der Roman schon etwas älter ist er erschien erstmals 1867 – auch nicht.
Die Frage, die sich aber gleich aufdrängt ist: Warum eine neue Übersetzung? Gab es da nicht schon 2009 eine neue? Wieviele sollen es denn noch werden?
Diese Frage kann ich natürlich nicht beantworten. Aber ich weiß zumindest, dass zwischen der Erstübersetzung und dieser neuen hier tatsächlich Welten liegen.
Ein Übersetzer steht ja eigentlich immer vor einem Dilemma, wenn er einen Text in eine andere Sprache überträgt: Wie soll er den Ton einfangen – wie die Wortspiele, die Witze, die Anspielungen hinüberretten? Und wie soll er verfahren, wenn die Handlung zwar großartig, der Text aber literarisch gesehen voller Fehler ist? Soll er verbessern und glätten oder aber danach trachten eins zu eins zu übersetzen?
Dostojewski war zweifellos ein bedeutender Autor. Seine Figuren sind nicht nur durchdacht, sondern regelrecht durchdrungen von Leben. Er wühlt sich in den menschlichen Charakter, bohrt und seziert, bis er alles hervorgeholt und auch noch die dunkelste Ecke ausgeleuchtet hat. Seine Protagonisten treffen einen mit Wucht und es kann schon mal vorkommen, dass man sich sagt, dass man die Gefühlsregungen, die bis ins Kleinste nachverfolgt werden, lieber eigentlich gar nicht so genau kennenlernen wollte. Den Dostojewskis Protagonisten sind selten sympathisch, edel und gut, zumindest nicht durch und durch.
Gerade beim 'Spieler' wusste der Autor auch ganz genau, wovon er schreibt. Der Roman trägt autobiographische Züge. So ließe sich bei Roulettenburg an Wiesbaden denken, wo Dostojewski selbst erstmals Roulette spielte, oder an Bad Homburg, wo er seiner Sucht – denn das war es bei ihm und ist es am Ende auch bei dem Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitsch – ebenfalls frönte.
Kurz, Dostojewski wusste, wovon er schreibt. Sein Stil ist aber, nun, eher grob. Er scheint literarische Regeln eher als Richtlinien verstanden zu haben. Und so ist sein Sprache eher rau und es gibt so einiges an Brüchen und Ungereimtheiten. Dadurch ist das Ganze vielleicht authentischer, wie man allgemein behauptet. Möglicherweise ist es aber auch nur Schlampigkeit – zum Teil ganz sicher auch dem Zeitdruck geschuldet. Besonders bei diesem Roman hier, der in sechsundzwanzig Tagen entstand (siehe oben).
Mag alles sein, aber manches stößt einem bei der Lektüre dann doch auf. Diese neue Übersetzung hier hat sich jedenfalls anscheinend zur Aufgabe gemacht, genau das beizubehalten. Das macht das Lesen nicht unbedingt einfacher. Aber womöglich kann man sich dann eher sagen, man hätte jetzt Dostojewski pur vor sich.


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