Montag, 28. November 2016

Das Sonntagskind – Märchen und Sagen aus Österreich von Michael Kohlmeier

Michael Köhlmeier ist einer der ganz großen Meister des Erzählens. In dieser Sammlung spannt er einen weiten Bogen von klassischen bis hin zu kaum bekannten Märchen und Sagen aus Österreich. Seine Nacherzählungen orientieren sich an ihren Vorbildern, entfernen sich aber oft auch weit von ihnen, spielen mit einem Thema, schweifen ab, kehren zum Ausgangspunkt zurück oder auch nicht. Köhlmeier erzählt von Sonntagskindern und Lügenteufeln, Luzifer und Paracelsus, von Kaisern und Königen, von Liebe und Verrat, von Glück, Tränen und Tod und davon, dass ein Ende immer auch ein Anfang ist.

Der Autor ist ja bekannt für seinen frischen Erzählstil, das kleine Augenzwinkern, wenn er eine alte Erzählung wiedergibt und behutsam interpretiert. Ich habe schon viel von ihm gelesen, von der Griechischen Mythologie bis hin zu seiner Nacherzählung einiger Shakespearestücke und ich fühlte mich nicht nur stets angenehm unterhalten, sondern erhielt auch so manchen Denkanstoß.
In diesem Buch ist es nicht anders. Die meisten der ausgewählten Texte dürften in der einen oder anderen Form bereits bekannt sein – sei es durch Lektüre, Verfilmung oder die Augsburger Puppenkiste. Trotzdem wird es nicht langweilig.
Die Interpretationen der einzelnen Figuren sind allerdings manchmal etwas, nun ja, eigenwillig. Ich kann ihnen auch nicht immer zustimmen – dass z.B. Frau Hitt eigentlich eine liebe Riesin ist, die nur die Menschen verdorben haben, erschließt sich mir jetzt beim besten Willen nicht. Solche Auslegungen schienen mir dann doch etwas zu zwanghaft gegen den Strich gebürstet, damit man sich besser von den anderen unterscheidet. Da verlor der Autor doch etwas aus den Augen, welche Art von Texten er vor sich hat: Alte, überlieferte Geschichten, die weitergegeben wurden um zu warnen oder zu ermutigen, Erzählungen, die Tabus umreißen und Ziele zu stecken. Ihnen jetzt partout einen tieferen Sinn zu unterstellen, finde ich übertrieben.
Aber nichtsdestotrotz: Eine schöne Lektüre.


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