Montag, 12. September 2016

Die Lamia - ein Interview

Ruth M. Fuchs: Frau Lamia, zuerst einmal möchte ich mich bedanken, dass Sie sich bereit erklärt haben, uns ein Interview zu geben. Sie sind ja eher dafür bekannt, medienscheu zu sein. 

Lamia: Nun ja, das Konzept Ihrer Zeitschrift hat mich irgendwie angesprochen. Allerdings hatte ich eher auf einen männlichen Interviewer gehofft. 

Ruth M. Fuchs: Oh, das tut mir leid... 

Lamia: Macht ja nichts. Haben Sie vielleicht wenigstens ein paar Kinder dabei? 

Ruth M. Fuchs: Äh, nein. 

Lamia (seufzt): Nichts klappt, wie es soll. Aber sei's drum, stellen Sie Ihre Fragen! 

Ruth M. Fuchs: Sie sind eine griechische Königin... 

Lamia: Ich bin weitaus mehr als das! Ich bin die Tochter des Gottes Poseidon und der Libya, also eine Halbgöttin. Nach dem Tod meiner Mutter wurde ich dann Königin von Libyen, dem Land, das nach meiner Mutter heißt. 

Ruth M. Fuchs: Und Sie waren eine Geliebte des Zeus. 

Lamia: Ach ja, Zeussi war ganz verrückt nach mir. Besonders mein schwarzes Haar hatte es ihm angetan, das mir damals bis zu den Fersen fiel. Und er saugte gern an meinen Brüsten, wenn... 

Ruth M. Fuchs (hastig): Die Details sind jetzt vielleicht nicht so angebracht. Wir haben ja auch junge Leser! 

Lamia (leckt sich die Lippen): Tatsächlich? Wie überaus interessant. 

Ruth M. Fuchs: Kommen wir zurück zu Zeus. Ihr Verhältnis mit ihm entfachte die Eifersucht seiner Gattin Hera, nicht wahr? 

Lamia: Allerdings. Diese nervtötende, kleinliche Ziege! 

Ruth M. Fuchs: Kleinlich? Aber immer hin wurde sie ja schließlich von ihrem Ehemann mit Ihnen betrogen. 

Lamia: Kein Grund, sich so aufzuführen! Ich meine, man muß da doch realistisch sein. Was kann ein Frau erwarten, die man die Weißarmige und die Kuhäugige nennt? 

Ruth M. Fuchs: Soviel ich weiß, war das im antiken Griechenland ein Kompliment... 

Lamia (macht ein wegwerfende Handbewegung): Jaja, schon. Aber es waren auch wirklich ihre einzigen Attribute - schlanke Arme und große, feuchte Augen. Nichts von den rosigen Äpfeln ihrer Brust, oder der Süße ihres Schoßes... 

Ruth M. Fuchs: Bitte! Die jungen Leser... 

Lamia (lächelt verträumt): Oh ja, natürlich. 

Ruth M. Fuchs: Hera hat Ihnen jedenfalls in ihrer Eifersucht die Fähigkeit geraubt, die Augen zu schließen, um Sie für den Seitensprung zu strafen. 

Lamia: Oh ja, das hat sie, diese gemeine Pute! Zeussi hat sie dagegen verziehen. Aber so hat sie es ja immer gemacht. 

Ruth M. Fuchs: Sie haben seither vermutlich mit sehr trockenen Augen zu kämpfen. 

Lamia: Phh! Wenn es nur das gewesen wäre! Aber ich konnte nicht mehr schlafen! Wissen Sie, was das heißt? Immer wach, niemals richtig ausruhen. Meine ganze Schönheit war in kürzester Zeit dahin, ich verfiel, magerte ab, die Haare fielen mir aus. Ich wurde blass und knochig. Und dann hatte ich immer dieses schreckliche Bild vor Augen... 

Ruth M. Fuchs (nickt verständnisvoll): Hera ermordete Ihren Sohn. 

Lamia: Ja, mein Kind, das ich von Zeussi hatte! 

Ruth M. Fuchs: Aber immerhin hatte Zeus Mitleid und gab Ihnen die Fähigkeit, die Augen zeitweise aus den Höhlen zu nehmen. 

Lamia: Ja, so konnte ich etwas Ruhe finden. Zeussi verlieh mir auch die Fertigkeit, mich vorübergehend wieder in die Schönheit zu verwandeln, die ich einst gewesen bin. 

Ruth M. Fuchs: Und in dieser Gestalt verführten Sie dann junge Männer. 

Lamia: Nur gutaussehende. 

Ruth M. Fuchs: Um ihnen das Blut auszusaugen. 

Lamia: Das klingt aus Ihrem Mund so schrecklich. Aber versetzen Sie sich doch mal in meine Lage! Mein Dasein war die Hölle - mit Augen rausnehmen und wieder einsetzen und dem ungeheuren Alpdruck, wenn die Augen drin sind. Das ist ein furchtbarer psychischer Druck. Dazu noch jeder Blick in den Spiegel eine Qual. Und das Verwandeln in mein eigentliches Selbst ist extrem kräftezehrend. Ich habe schnell erkannt, dass normale Nahrung mir dafür nicht genügend Energie liefert. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als gelegentlich Männer ein bisschen anzuzapfen. 

Ruth M. Fuchs: Sie sind also ein Vampir. 

Lamia: Nein, bin ich nicht! Vampire sind Wrykolakas, wie wir sie nennen, also Menschen, die gestorben und in ihren Gräbern in einem Zwischendasein zwischen Leben und Tod verharren. Und Nachts steigen sie dann aus eben diesen Gräbern und fallen lebende Menschen an. Ich selbst gehöre, wenn Sie mich schon unbedingt in eine Schublade stecken wollen, mehr in die Sparte Dämon, aber nur ein Dämon zweiter Klasse - also nicht von Geburt, sondern weil die Umstände es erforderten. 

Ruth M. Fuchs: Dann vertragen Sie also auch Sonnenlicht. 

Lamia: Und ich habe ein Spiegelbild. Fließendes Wasser hält mich auch nicht auf und ein offenes Feuer finde ich eher romantisch als erschreckend. Kruzifixe und Weihwasser stören mich ebenfalls nicht. Aber ich denke, das ist auch bei Vampiren so. 

Ruth M. Fuchs: Aber von Vampiren sagt die Überlieferung doch... 

Lamia: Hey, die Vampire gibt es schon seit Jahrtausenden! Sie hatten eine Menge Zeit und Gelegenheit, selber solche Gerüchte in die Welt zu setzen. 

Ruth M. Fuchs: Warum sollten sie das tun? 

Lamia: Na, wenn es aufkommt, dass ein Vampir sein Unwesen treibt, dann ist es doch praktisch, wenn man sich hinstellen kann und sagen 'Schau mal, ich hab ein Spiegelbild!'. Schon gehört man nicht mehr zu den Verdächtigen. 

Ruth M. Fuchs: Leuchtet ein.

Lamia (lacht): Nicht wahr? 

Ruth M. Fuchs: Aber Sie sind wenigstens immer an einem Gürtel aus Pythonhaut erkennbar, nicht wahr? 

Lamia: Neinnein, das war bloß so eine Marotte, die mir die Maler im 19. Jahrhundert angehängt haben. Allen voran John William Waterhouse. Der war ganz vernarrt in mich. Hat mich gleich zweimal gemalt, in "Lamia", wo ich mich gerade in eine Schönheit verwandelt habe und in "Ritter", wo ich demütig knieend einen Ritter zu gewinnen versuche. Die Schlangenhaut über meinen Kleidern soll meine reptilische Natur darstellen, denn er dachte, die wahre Liebe eines Mannes könnte mich retten und mir Wärme, ein Herz und eine Seele schenken - etwas, was man den Schlangen damals absprach. Der gute John hat mich da ein wenig mit Undine verwechselt. 

Ruth M. Fuchs: Kommen wir noch einmal zurück zu Ihrem Sohn. Es heißt von Ihnen, dass Sie aus Trauer und Zorn über seinen Verlust wahnsinnig wurden und nun aus Neid anderen Müttern ihre Kinder stehlen und sie verschlingen. 

Lamia: Andere Frauen dürfen schöne Kinder haben und meines wurde von Hera ermordet! Meines, das schönste von allen! Das ist doch ungerecht, das darf nicht sein! 

Ruth M. Fuchs: Aber was können denn die anderen Mütter dafür? 

Lamia: Sie sollen spüren, was ich tagtäglich, wann immer ich meine Augen im Kopf trage, also auch jetzt, erleiden muss! 

Ruth M. Fuchs: Aber das bringt Ihnen Ihren Sohn doch nicht zurück. 

Lamia: Wenn ich andere Frauen um ihre Kinder leiden sehe, wird mein eigenes Leiden einen Moment lang leichter. Aber seit ich meine Töchter habe, hat mein Bedürfnis, andere Kinder zu zerreißen, sehr nachgelassen und treibt mich nur noch gelegentlich in fremde Kinderzimmer. 

Ruth M. Fuchs: Stimmt ja, die Lamien. 

Lamia: Richtig. Mit einem waschechten, gebürtigen Dämon gezeugt! 

Ruth M. Fuchs: Hat der auch die Empusen und die Strigen gezeugt? 

Lamia: Das sind alles meine Kinder. Sie haben sich nur inzwischen über die ganze Erde verbreitet und heißen in anderen Ländern eben manchmal anders. 

Ruth M. Fuchs: Und sie haben alle Ihre Fähigkeit, sich in blendende Schönheiten zu verwandeln, geerbt. 

Lamia: Ja. Ich bin sehr stolz darauf. 

Ruth M. Fuchs: Und auch Ihre Töchter trinken Blut. 

Lamia: Und alle haben meinen guten Geschmack bei der Auswahl der schmucken Männer, die sie beißen. 

Ruth M. Fuchs: Äh, ja... 

Lamia: Was wollen Sie! Bevor sie kraftvoll zubeißen, schenken sie diesen Männer eine unvergeßliche Nacht voller Leidenschaft und Erotik, die diese Männer niemals vergessen. 

Ruth M. Fuchs: Vor allem nicht, weil sie die Nacht nicht überleben. 

Lamia: Seien Sie nicht so penibel. Es gibt Männer, die betteln uns regelrecht an, sie doch zu beißen, weil sie die Sehnsucht nach uns nicht ertragen können. 

Ruth M. Fuchs: Dann sind Sie selbst also auch noch aktiv? 

Lamia: Neidisch? 

Ruth M. Fuchs: Oh nein, bestimmt nicht. 

Lamia: Doch, ich glaube schon. 

Ruth M. Fuchs: Also, das ist doch... Wir bedanken uns vielmals für das Gespräch. 

Lamia: Schon gut. Aber das nächste Mal schicken Sie mir einen Mann, ja? 

Ruth M. Fuchs: Bestimmt nicht. Auf Wiedersehen. 

Lamia: Ciao!
Das Gespräch führte Ruth M. Fuchs

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen