Montag, 5. September 2016

Das Memorial von José Saramago

Das Monument seiner Macht - so König Joãos Streben - soll an Pracht und Größe den spanischen Escorial übertreffen. Dreizehn Jahre dauert die Errichtung des Klosters, die ein Baumeister aus Regensburg begleitet, unzählige Arbeiter schinden sich dabei jämmerlich zu Tode. Saramago stellt den Wahnsinn dieses vermessenen Projekts dem Elend des gequälten Volkes gegenüber, das Trost in Magie und messianischen Erwartungen sucht. In opulenten Bildern lässt Saramago die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts in Portugal in all seinen Facetten auferstehen.
Portugal hat eine wechselvolle Geschichte. Einst große Seefahrernation hat es doch irgendwie den Anschluss verpasst. Das Land ist wunderschön, die Menschen liebenswert, doch den Stellenwert, den es haben könnte, hat es nicht. Heute ist es sogar eines der ärmsten Länder Europas.
In diesem Roman erfahren wir nun etwas über die Geschichte Portugals Anfang des 18. Jahrhunderts: König João ist mit einer Habsburgerin verheiratet, Maria Anna Josefa von Österreich. Es ist keine Liebesheirat – der König besucht seine Gemahlin sozusagen nur nach Dienstplan und mit strengem Zeremoniell. Sie empfängt ihn auch nur an diesen Tagen und schläft ansonsten allein unter ihrem Federbett, das sie aus Österreich mitgebracht hat und auf dem sie besteht - trotz der Temperaturen, die in Portugal herrschen. Vielleicht liegt es ja daran, dass das Paar kinderlos bleibt. Wie auch immer, Die Königin schenkt jedenfalls erst nach Jahren einem Mädchen das Leben, nachdem ihr Mann ein Gelübte für einen Kolossalbau getan hat.
Also wird das barocke Prachtstück gebaut: Das Memorial erhält die Dimensionen des spanischen Escorial. Saramagos Roman dreht sich um die opfervolle Baugeschichte dieses eigentlich völlig überdimensionierten Monuments, für das man erst eine Bergspitze abtragen muss, damit es überhaupt Platz hat. Dreizehn Jahre ist man tätig, von 1717 bis 1730, arme Leute werden zur Arbeit gepresst, Zehntausende gehen im Schlamm der schlecht gesicherten Baustelle zugrunde oder sterben an Hunger und Seuchen. Allein für den Transport eines 5m langen Steins, der über dem Portal verbaut wird, sterben vier Männer und zwei Ochsen.
Als ich vor dem Schloss stand und den Stein suchte, musste ich übrigens feststellen, dass er so mit Stuck überzogen ist, dass man gar nicht merkt, wie groß er ist. Mehrere kleine Steine hätten es genauso getan.

Ein zweiter Handlungsstrang wendet sich den einfachen Leuten zu. Und hier gestattet sich Saramago einen Abstecher ins Phantastische. Er greift nämlich einige Ideen und 'wissenschaftlich Erkenntnisse' der damaligen Zeit auf – zum Beispiel, dass man früher glaubte, Bernstein würde von der Sonne angezogen. So wird von dem portugiesischer Pater mit Namen Bartolomeo Lourenço ein Flugapparat gebaut, der mit Bernstein 'betrieben' wird. Im Buch funktioniert das tatsächlich! Als der sorgsam zugedeckte Bernstein einmal versehentlich abgedeckt wird, erhebt sich das Flugzeug in die Luft – leider mitsamt des an Bord befindlichen Balthasars, der gar nicht wegfliegen will.
Dieser Balthasar ist der Lebensgefährte von Blimunda: Er ist ein aus den zahllosen Kriegen seines Herrschers verwundet heimkehrender Soldat mit hakenförmiger Armprothese, sie ein einfaches Mädchen mit hellseherischen Gaben, Tochter einer von der Inquisition nach Angola verbannten 'Hexe'. Denn auch das ist Portugal damals, ein in Armut versinkendes Land, das Volk streng katholisch, aber auch voller Aberglauben.
So stellt der Autor absolutistischer Größenwahn dem qualvollem Volkselend gegenüber. Höfischer Pomp und zeremonieller Reichtum entfalten sich. Doch Kirchenumzüge oder königliche Ausfahrten bleiben oft auch im Schlamm stecken, weil Regengüsse und Unwetter die unbefestigten Straßen unpassierbar machen.
So entwirft José Saramago ein Bild seines Heimatlandes, das viel und oft vom liebevoll Überbordenden ins düster Schwermütige wechselt. Mit sprachlicher Virtuosität verwebt er historische Details mit der Romanhandlung. Und auch wenn über allem immer ein wenig die Wehmut schwebt, so kann man sich der Kraft der Erzählung einfach nicht entziehen.

Ich habe die Lektüre sehr genossen und blieb mit einem Staunen und ein wenig Melancholie für dieses eigentlich so schöne Land zurück.


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