Montag, 15. August 2016

Dr. Grubers versunkene Welt von Martin Bühler

In den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts taucht Doktor Gruber, ein etwas skurriler Wissenschaftler, an einem Spätsommertag in einem verschlafenen Dorf im Waldviertel auf. Im Wirtshaus erfährt er zufällig von einem Schloss, in dem seltsame Dinge vor sich gehen. Da Gruber von überaus neugieriger Natur ist, und anscheinend sonst nichts zu tun hat, beginnt er diesen Geschichten nachzuspüren und in der Folge seine Nase in jedermanns Angelegenheiten zu stecken. Das Herumschnüffeln allerdings bringt ihm bei der Landbevölkerung wenig Sympathie ein, großes Misstrauen schlägt ihm entgegen. Besitzer des geheimnisumwitterten Schlosses ist der pensionierte k. u. k. General Alfred von Waldstätten, der in seinem Schloss mit Verwalter und Dienerschaft ein Leben nach eigenen Regeln in einem scheinbaren Paralleluniversum führt. Das Schloss samt seinen Bewohnern und soziologischem Umfeld wird Grubers Forschungsprojekt, indem er seine bewährte Methodik der „Kategorien“ anwendet. Der Forscher bezieht zunächst eine Wohnung im Dorf und beginnt mit dem Vermessen von Schatten und der Katalogisierung von Käfern und Pflanzen. Doch das wahre Ziel seines Interesses gilt dem Schloss und seinem Besitzer. Nachdem er die Freundschaft des Generals gewinnt und dubiosen Vorgängen auf die Spur kommt, verschwindet er auf mysteriöse Weise …

Nach einem Unwetter findet der Autor auf einem Dachboden zahlreiche alte Bücher und die Hinterlassenschaft eines gewissen Dr. Grubers, die ihn schnell fasziniert und von deren Inhalt das Buch handelt. Dieser Dr. Gruber ist ein Wissenschaftler, der in seinem Forschern wirklich alles untersucht und in seine Kategorien einordnet, auch die Schatten werden vermessen. Flora, Fauna, Architektur und die gesamte Umgebung – alles findet eingang in seine Forschungen. Trotz dieser doch sehr akribischen und kleinlichen Art ist Gruber aber trotzdem ein umgänglicher Mensch, der gut mit anderen kann und auch dem Leser recht sympathisch wird.

Es sei gleich gesagt, wer aktionreiche Bücher mag, ist hier völlig fehl am Platz. Es gibt keine nennenswerte Entwicklung, keinen dramatischen Plot und keine herkömmlichen Spannungsbögen. Oft passiert seitenlang fast gar nichts. Es ist vielmehr die Sprache, die einen gefangen nimmt, die Beschreibungen und die Ausführungen zu Kleinigkeiten, ja eigentlich Nebensächlichkeiten, die so plötzlich an Gewicht gewinnen und Grubers Welt (und dann vielleicht sogar die eigene) in ein völlig neues Licht tauchen.

Das Ende ist schade, aber – zugegeben – unausweichlich. Die immer wieder leise angedeuteten Spannungen und Geheimnisse, die bösen Gerüchte und die seltsamen Stimmungen gipfeln letztlich in einer Katastrophe, die den Leser erschüttert zurücklässt, vor allem weil sich natürlich herausstellt, dass nicht alles so schwarz und weiß ist, und längst nicht so gut geordnet, wie Gruber es gern hätte. Die menschlichen Abgründe entziehen sich eben jeder Messung und Katalogisierung.

Ich glaube nicht, dass dies ein Buch für die breite Leserschaft ist. Um so schöner, dass auch solche Bücher heute noch geschrieben werden. Und jedem, der für Sprache und Stimmungen empfänglich ist, kann ich es nur empfehlen.


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