Montag, 13. Juni 2016

Die Geschichte der Baltimores von Joël Dicker

Bis zum Tag der Katastrophe gab es zwei Goldman-Familien. Die Baltimore-Goldmans und die Montclair-Goldmans. Die »Montclairs« sind eine typische Mittelstandsfamilie, kleines Haus im unschicken New Jersey, staatliche Schule für Marcus, den einzigen Sohn. Ganz anders die Goldmans aus Baltimore: Man ist wohlhabend und erfolgreich, der Sohn Hillel hochbegabt, der Adoptivsohn Woody ein Sportass erster Güte. Als Kind ist Marcus hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für diese »besseren« Verwandten und Eifersucht auf ihr perfektes Leben. Doch Hillel und Woody sind seine besten Freunde, zu dritt sind sie unschlagbar, zu dritt schwärmen sie für das Nachbarsmädchen Alexandra - bis ihre heile Welt eines Tages für immer zerbricht. Acht Jahre danach beschließt Marcus, inzwischen längst berühmter Schriftsteller, dass es Zeit ist, die Geschichte der Baltimores aufzuschreiben. Aber das Leben ist komplizierter als geahnt, und die »Wahrheit« über ihre Familie scheint viele Gesichter zu haben.

Schon als ich im Prolog die die Unterüberschrift „Einen Monat vor der Katastrophe“ las und danach keinerlei Erklärung was gemeint war, schwante mir Übles. Leider behielt ich recht. Denn im Text wurde immer wieder eingestreut „Das war vor der Katastrophe“, „Zwei Jahre nach der Katastrophe“, „Damals wurde die Saat für die Katastrophe ...“ usw. Und dann geht es mit etwas anderem weiter. Uiuiui, großes Geheimnis! Lies also gefälligst weiter, lieber Leser, damit du erfährst, was es ist!
Um es gleich vorweg zu sagen: Dies ist das einzige Spannungselement des Buches. Und dieses Stilmittel ist so plump, dass ich schon verärgert war, als ich das Buch noch nicht einmal zur Hälfte durch hatte. Was die Katastrophe war, erfährt man erst im letzten Kapitel – und fragt sich dann, warum das ziemlich vorhersehbare Ereignis derart aufgebauscht wurde. Denn was da enthüllt wird, ist ziemlich banal.
Bis zu diesem letzten Kapitel gibt es seitenlange langweilige Beschreibungen, Wiederholungen von bereits Erzähltem, oberflächliche Gedanken des Ich-Erzählers. Ach ja, der Ich-Erzähler: Ich konnte nicht warm werden mit ihm. Zu gern verleugnet er seine Herkunft und möchte etwas Besseres sein, als er ist. Das geht so weit, dass ich glaubte, seine Eltern seien früh gestorben, bis er im Epilog plötzlich zu Thanksgiving bei ihnen reinschneit und sie erstaunlicherweise beide noch leben.
Ich verstehe auch nicht, warum er acht Jahre braucht, bis er sich mit Ereignissen beschäftigt, die für ihn nicht nur zu einer Katastrophe führten, sondern zu DER Katastrophe.


Mir ist auch nicht klar, warum das Ganze in den USA spielt – die Beteiligten benehmen sich ausgesprochen europäisch. Außer vielleicht, man unterstellt die Berechnung, dass ein Buch, das auf den ersten Blick amerikanisch erscheint, einen höheren Stellenwert erhält.


Der Stil ist auch nicht gerade berauschend. Ich kenne Dickers Erstling nicht, aber dieses Buch hier könnte jeder schreiben, der den einen oder anderen Schreibkurs absolviert hat. Von Genialität und Charakter keine Spur. Dabei hat der Übersetzer sicherlich sein Bestes getan, aus dem Text rauszuholen, was ging.

Dieses Buch ließ mich jedenfalls enttäuscht und verärgert zurück. Schade um die Zeit!

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