Montag, 16. Mai 2016

Shakespeare neu erzählt von Michael Köhlmeier


Mitreißend lebendig erzählt Michael Köhlmeier elf Dramen von William Shakespeare nach – beginnend mit »Macbeth«, der blutigen Tragödie der Einbildungskraft, über »Ein Sommernachtstraum«, das schönste Zaubermärchen der Weltliteratur, und »Othello«, die Schule für Intriganten, bis zum Skandal an Dänemarks Hof, »Hamlet«, dem nach über 400 Jahren noch immer faszinierendsten Drama des großen englischen Dichters. – »Shakespeare erzählt in seinen Stücken großartige Geschichten, die uns die Grundlagen unseres Menschseins zeigen, im Guten wie im Bösen« (Köhlmeier).

William Shakespeare hat großartige Theaterstücke geschrieben. Er hat auch anderes Wundervolles geschrieben, aber darum geht es hier nicht. Er hat also, um es noch einmal zu sagen, großartige Theaterstücke geschrieben. Und genau das ist das Problem: Es sind Theaterstücke. Die sind schön anzusehen und vielleicht wunderbar zu inszenieren – aber angenehm zu lesen sind sie nicht.

Ein Beispiel aus Romeo und Julia:

Romeo tritt auf
Benvolio: Da kommt er, seht! Ich bitt Euch, geht beiseit.
Wenn er nicht leugnet, hör ich jetzt sein Leid.
Montague: Ich wollt, du hättest Glück, daß er ein Wort
Von sich verrät. – Kommt, Frau, wir gehen fort.
Montague und Frau Montague ab
Benvolio: Gut Morgen, Vetter!
Romeo: Morgen? Erst so weit?
Benvolio: Grad schlug es neun.

Nicht leicht zu lesen. Außerdem steht eine ganze Menge nicht im Stück – Mienenspiel, Gefühle, Gesten und dergleichen mehr. Muss es ja auch nicht, denn das macht der Schauspieler bei der Aufführung.
Eine Nacherzählung in Prosa ist da eine verführerische Alternative. Besonders, wenn sie von einem so bestechenden Erzähler wie Michael Köhlmeier geboten wird. Wie auch schon bei den antiken Sagen oder dem Nibelungenlied, erzählt er auch hier leicht und locker und ausgesprochen unterhaltsam.
Man darf dabei natürlich nicht übersehen, dass seine Erzählungen nicht frei sind von einer 'persönlichen Note' – Köhlmeier bringt nicht nur eine Zusammenfassung von Shakespeares Vorlagen, sondern reichert sie an mit seinen eigenen Deutungen der Charaktere und Geschehnisse. Letztlich bleibt ihm auch kaum etwas anderes übrig, denn, wie schon erwähnt, fehlen entsprechende Beschreibungen bei einem Theaterstück. Er interpretiert also die Vorlage und verleiht ihr dadurch zusätzlich noch Lebendigkeit und Emotionalität.
Natürlich ist seine Interpretation nicht die einzig wahre, aber ein guter Ansatz. Und es macht Spaß, sie zu lesen!

Fazit: Wenn man nicht die Möglichkeit hat, Shakespeares Stücke auf der Bühne zu erleben, ist dieses Buch eine faszinierende Alternative, die Lust auf mehr macht.




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