Dienstag, 17. November 2015

Sommerland von Michael Chabon


Heute kümmere ich mich mal um ein Buch, dass schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Das Taschenbuch, das ich gelesen habe, ist von 2005. Erstmals erschienen ist er sogar schon 2002. Es ist der vierte Roman von Michael Chabon, dem als Wunderkind gefeierten und vielgerühmten Autor. "Sommerland" war sein erster Fantasyroman.

Er ist ein lausiger Baseballspieler. Umso merkwürdiger, dass Ethan plötzlich von einem Talentspäher und Abgesandten aus einer anderen Welt dazu ausersehen wird, gegen den Kojoten, den Verursacher alles Bösen, in den Kampf zu ziehen. Eine nicht gerade Furcht erregende, aber sehr absonderliche Truppe aus fantastischen Gestalten zieht mit Ethan und seiner Freundin Jennifer los, um die Welt - nein: die Welten! - zu retten. Das erste Jugendbuch des Pulitzer-Preisträgers bietet fantastische Literatur vom Feinsten.

Ok, ich bin eigentlich raus aus dem Alter für Jugendbücher. Und ich habe nicht die leiseste Ahnung von Baseball. Der Anhang hinten im Buch, der das Spiel erklärt hat da auch nicht wirklich viel geholfen.
Aber die Sprache hat mir gefallen und immerhin gibt es nicht viele Pulitzerpreisträger, die sich dazu herablassen Fantasy zu schreiben. Dabei fing das Ganze gar nicht gut an, denn es ist die klassische und leider schon mehrfach totgerittene Standardfantasysituation: Ethan, Versager und definitiv kein Held muss über sich selbst hinauswachsen, als plötzlich der Talentsucher Ringfinger Brown und Werfuchs Cutbelly bei ihm auftauchen und ihm eröffnen, dass nur er den Weltuntergang verhindern kann. Der Auserwählte sträubt sich erst, zieht dann aber doch los, wobei er ein paar Gefährten um sich sammelt, die ihn begleiten. Es folgt eine Reise in fantastische Welten und Anleihen aus scheinbar allen verfügbaren Mythologien der Welt: die germanische Weltenesche, der indianische "Trickster" Kojote, keltische Feen, die großen amerikanischen Sagengestalten wie Paul Bunyan, der Werfuchs nach Art einer japanischen Fuchsfee – Riesen, Bigfoots und sogar eine gottähnliche Gestalt. Und über diesem wilden Sammelsurium steht als einendes Motiv Baseball, das weltenvereinende, weltrettende Spiel.

Klingt abgefahren? Ist abgefahren. Ich gestehe, die ewigen Baseballanspielungen gingen mir schon auf die Nerven. Und warum ausgerechnet dieses typisch amerikanische Spiel weltübergreifend sein soll – da fiel mir dann doch unangenehm auf, dass sich die Amerikaner gern als Gottes auserwähltes Volk sehen, während wir anderen alle unter ihnen stehen. Das hat mir den Lesegenuss schon etwas getrübt. Das wilde Durcheinanderschmeißen von Mythen und Sagen war für mich, die ich ein wenig Ahnung davon habe, auch manchmal schon fast schmerzhaft.

Abgesehen davon war der Ideenreichtum nicht von schlechten Eltern. Spannend zu lesen und unterhaltsam war es auch. Es ist gewiss kein Meisterwerk und es ist vielleicht gut, dass dies der einzige Ausflug des Autors in dieses Genre ist, aber ich habe schon sehr viele schlechtere Fantasy gelesen. Insgesamt betrachtet ist dieses Buch immer noch im vorderen Drittel. Und das ist auf jeden Fall mehr als der Durchschnitt.
Aber auch das ist wahr: Von einem so hochgelobten Autor hätte ich mir dann doch etwas Originelleres erwartet.


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