Dienstag, 18. August 2015

Die Monogramm-Morde: Ein neuer Fall für Hercule Poirot von Sophie Hannah


1920 erschien der erste Kriminalroman von Agatha Christie. Seither haben sich ihre Bücher weltweit mehr als zwei Milliarden Mal verkauft. Jetzt haben die Erben von Agatha Christie erstmals der Veröffentlichung eines neuen Romans zugestimmt, der die beliebteste Figur der Schriftstellerin wieder zum Leben erweckt.
Als im Londoner Hotel Bloxham drei Gäste vergiftet aufgefunden werden, ist Hercule Poirots Scharfsinn gefragt. Wer steckt hinter den wohlinszenierten Morden? Und was hat es zu bedeuten, dass man bei allen drei Leichen einen Manschettenknopf mit dem Monogramm PIJ findet? Ein kniffliger Fall, der Poirot zu Höchstleistungen anspornt.

Es ist schon ein Kreuz mit den Erben. Der Sohn von Tolkien vermarktet jeden Papierfetzen, auf den sein Vater irgendwie mal mit etwas geschrieben hat, um so noch ein paar Cent mehr zu verdienen. Und die Tochter Agatha Christies – nun ja. Sagen wir mal so: Das künstlerische Namensrecht erlischt siebzig Jahre nach dem Tod des Inhabers. Somit wäre der Name „Hercule Poirot“ demnächst frei geworden, um auch von anderen Schriftstellern benutzt zu werden. Damit das nicht passiert, muss der Name erneut in einem Roman verwendet werden. Das hat schon bei den Erben von Margaret Mitchell, die einen zweiten Teil zu „Vom Winde verweht“ schreiben ließen, um die Namen Rhett Butler und Scarlett O'Hara weiter zu schützen. Und es funktioniert auch bei Agatha Christies Erben. Die Qualität ist eigentlich Nebensache. 
Wie so oft sind die Erben, die gar keine persönliche Leistung erbracht haben, besonders unersättlich.Und Christies Erben haben der Veröffentlichung nicht etwa zugestimmt, wie der Klappentext suggeriert, sondern den neuen Roman in Auftrag gegeben.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf habe ich nicht sehr viel von dem neuen Poirot erwartet. Allerdings erwartete ich durchaus solides Handwerk, denn Sophie Hannah ist eine erfahrene Krimiautorin, wenn auch eher in der Sparte Thriller.

Nun, bekommen habe ich noch nicht einmal das. Wenn man einen Roman als Ich-Erzähler schreibt, kann man nciht mitten in einem Kapitel einfach so einen inneren Monolog von jemand anders bringen. Denn woher sollte der Erzähler den kennen? Und dann ist es auch noch der Gedankengang von Poirot - bei einem Whodunit ganz unmöglich! Als Leser war ich enttäuscht. Als Krimiautor, der ich ja auch bin, war ich wütend. So ein Fehler darf einfach nicht passieren! Und dass der naheliegendste Grund für die Unterschiede bei den drei Morden geradezu auffällig nicht genannt wird, ist schon fast erbärmlich. Nein, dies ist kein großes Werk, kein spannungsgeladener Plot mit Überraschung am Ende. Und der wiederauferstandene Hercule Poirot ist weder brillant noch hinreißend. Er ist nett, aber sein Charme sprüht nicht und das Augenzwinkern, mit dem er bei Christie oft beschrieben wird, fehlt. Er kommt eher altbacken und betulich daher.

Hat die Autorin die alten Poirot-Fälle denn gar nicht gelesen? Sie lässt den belgischen Detektiv zwar regelmäßig auf seine grauen Zellen anspielen und eine Mentorenfunktion für den die Geschichte erzählenden, für einen Scotland Yard-Ermittler aber bemerkenswert tumben Ermittler einnehmen. Und hin und wieder kommt ein Halbsatz auf Französisch. Das war es dann aber auch schon.

Insgesamt also bestenfalls ein netter Krimi. Wer aber als Christie-Fan schon alles von ihr gelesen hat, findet sicherlich auch bessere Alternativen bei Sayers und anderen Meistern des Genres. Wer aber ein oberflächliches Wiedersehen mit Poirot haben möchte und mit einem seichten Kriminalfall zufrieden ist, der ist hier gut bedient.

Für die Erhaltung der Rechte an dem Namen "Hercule Poirot" genügt der Roman natürlich. Ach ja, noch ein kleiner Hinweis in Sachen Rechteerhaltung: Das Cover für den neuen Poirot ist, wie ihr seht, geklaut – bei Jules Poiret, den ja auch Christie selbst als Vorbild für ihren Detektiv nahm, ohne das jemals zu erwähnen. Insofern irgendwie folgerichtig, was es aber nicht besser macht.

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