Dienstag, 30. Juni 2015

Der freundliche Mr. Crippen von John Boyne


Im Sommer 1910 steht Scotland Yard vor einem unlösbaren Fall: Im Haus des allseits beliebten Mr Hawley Crippen wird die grausam zerstückelte Leiche seiner Frau gefunden. Von Crippen selbst fehlt jede Spur ... John Boyne erzählt meisterlich die spannende Jagd nach einem mutmaßlichen Mörder, die sich 1910 in London und auf einem kanadischen Passagierschiff so wirklich zugetragen hat.

Eines habe ich beim Lesen des Buches schnell bemerkt: Den Fall Dr. Crippen schon zu kennen ist dieser Lektüre nicht förderlich. Es ist nämlich nicht so, dass Sprache, Erzählstil oder Handlung an sich sonderlich spannend wären.
Allein der ach so geheimnisvolle Anfang ist eigentlich kein allzu großes Geheimnis, wenn man weiß, wer Dr. Crippen wirklich war. Und das dürften die meisten wissen, selbst wenn sie noch nicht bei Madame Tussauds vorbeigeschaut haben sollten.
Trotzdem kann man auch dann einige positive Ansätze finden.
Eigentlich ist die Zusammensetzung der Passagiere auf dem Schiff wie auch der Menschen in den Rückblenden gut gewählt und innerhalb der Gesellschaftsschichten gut verteilt: Es gibt den introvertierten Vater und seinen Sohn, eine nervtötende Mutter von Stand und ihre mannstolle Tochter, den superkorrekten Kapitän und diverses anderes Schiffspersonal, die kranke Prostituierte, eine bigotte Mutter, den findigen Inspektor, eine Reihe schwacher Ehemänner und nervende Ladys.

Nein, in Sachen nervende Dame habe ich mich nicht wiederholt. Es sind tatsächlich mehrere. Und das ist auch ein großes Manko des Buches. Wenn eines dieser weiblichen Wesen nach gefühlten hundert Seiten voller Klischees und Triaden endlich mal zum Punkt kommt, hat man längst das Interesse verloren, worum es eigentlich geht.

Die Grundidee des Buches ist gut. Auch der Erzählstil ist eigentlich nicht schlecht. Aber einen Roman aus einer wahren Begebenheit zu machen, sollte man doch anders angehen. Und der Autor dürfte seinen Lesern ruhig ein bisschen mehr zutrauen. Dann kann er sich die Wiederholungen sparen.


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