Dienstag, 28. April 2015

Der Hinzelmann

Nein, es geht hier nicht um die Heinzelmännchen zu Köln - die gibt es in der allseits  bekannten Form sowieso nur in der Literatur. Ein Vorbild für diese fleißigen Helfer könnte der Hinzelmann jedoch gewesen sein. Er lebte auf Schloß Hudemühlen im Lüneburgischen in der Nähe von Aller.

Zuerst ließ er sich im Jahre 1584 hören, indem er sich durch Poltern und Lärmen zu  erkennen gab. Danach fing er an, bei hellem Tage mit dem Gesinde zu reden. Das erschreckte natürlich alle sehr, aber nach und nach daran gewöhnte man sich daran und achtete nicht mehr weiter darauf. Schließlich machte er sich auch mit dem Hausherrn bekannt, dem anfangs ziemlich vor dem unsichtbaren Gesellen graute. Mit der Zeit aber wurden die beiden Freunde und führten oft lange Gespräche miteinander. Bei so einer Gelegenheit erzählte Hinzelmann, daß er aus dem böhmischen Gebirge gekommen wäre und im Böhmerwalde seine Verwandten hätte, die ihn nicht leiden könnten. Daher sei er nun gezwungen, sich so lange zu verstecken und bei guten Leuten Zuflucht zu suchen, bis seine Sache wieder besser stände. Sein Name sei Hinzelmann, doch werde er auch Lüring genannt; er habe eine Frau, die heiße Hille Bingels. Was aber genau geschehen war, daß er sein Heim verlassen mußte, dazu äußerte sich der Hausgeist nie.

Hinzelmann zeigte sich fleißig und geschickt in allerhand Arbeit. In der Küche half er beson-ders gern. Wenn die Köchin abends Schüsseln und Teller unabgewaschen und  durcheinander stehen ließ, so waren sie morgens gesäubert und in guter Ordnung  hingestellt. Auch verlor sich niemals etwas in der Küche, oder war doch etwas verlegt, so wußte es  Hinzelmann gleich in der ver-borgnen Ecke, wo es steckte, wiederzufinden und gab es zurück. Der Hausgeist übernahm auch die Aufsicht über die Knechte und Mägde bei der Arbeit und ermahnte sie mit guten Worten, fleißig zu sein. Wenn sich aber jemand daran nicht kehrte, ergriff er auch wohl den Stock und gab ihm damit eine Lehre. Ebenso geschäftig zeigte er sich in der Stallung: Er striegelte die Pferde, bis ihr Fell glänzte, sorgte für ihr Futter und die Sauberkeit im Stall. Für all die Mühe verlangte er lediglich täglich eine Schüssel voll süßer Milch mit Brocken von Weißbrot, sowie ein eigenes Zimmer im obersten Stockwerk zur rechten Seite des Schlosses.

Hinzelmann war gern in Gesellschaft und unter Leuten, doch am liebsten bei den Frauen. Auf Hudemühlen waren zwei Fräulein, Anna und Katharine, welchen er besonders zugetan war. Wenn sie über Land reisten, wollte er sie nicht verlassen und begleitete sie in Gestalt einer weißen Feder überall hin. Legten sie sich nachts schlafen, so ruhte er unten zu ihren Füßen auf dem Deckbett, und man sah am Morgen eine kleine Kuhle, als ob ein Hündlein da gelegen hätte. Beide Fräulein verheirateten sich nicht, denn Hinzelmann schreckte alle Frei-er ab. Manchmal kam es so weit, daß eben die Verlobung sollte gehalten werden, aber der Geist wußte es doch immer wieder rückgängig zu machen. Den einen, wenn er bei dem Fräulein seine Worte vortragen wollte, machte er ganz irre und verwirrt, daß er nicht wußte, was er sagen wollte. Bei dem andern erregte er solche Angst, daß er zitterte und bebte. Im Allgemeinen aber schrieb er unübersehbar an die gegenüberstehende weiße Wand mit gro-ßen, goldenen Buchstaben: „Nimm Jungfer Anne und laß mir Jungfer Katharine." Kam aber einer und wollte sich bei Jungfer Anne beliebt machen und um sie werben, so veränderte sich auf einmal die goldene Schrift und lautete umgekehrt: „Nimm Jungfer Katharine und laß mir Jungfer Anne." Wenn sich jemand nicht daran kehrte und bei seinem Vorsatz blieb und etwa im Hause übernachtete, quälte er ihn so und narrte ihn im Dunkeln mit Poltern, Werfen und Toben, daß er sich alle Heiratsgedanken aus dem Kopf schlug und froh war, wenn er mit heiler Haut davonkam. Also blieben die zwei Fräulein unverheiratet, erreichten ein hohes Alter und starben beide innerhalb von acht Tagen.

Wen der Geist nicht leiden konnte, den plagte er oder strafte ihn für seine Untugenden. Den Schreiber zu Hudemühlen beschuldigte er gar zu großer Hoffart, gab sich ihm gegenüber ziemlich gehässig und tat ihm Tag und Nacht mancherlei Drangsal an. Einstmals erzählte er ganz fröhlich, er habe dem Schreiber eine rechtschaffene Ohrfeige gegeben. Als man den Schreiber dazu befragte ob der Geist bei ihm gewesen sei, antwortete er mit ja und gequält habe er ihn in jener Nacht, daß er, der Schreiber, sich gar nicht zu helfen wußte. Die Sache war aber so: Der Schreiber hatte eine Liebschaft mit dem Kammermädchen, und als er sich nun einmal nachts bei einem vertraulichen Gespräch eingefunden und beide in größter Lust beisammensaßen und meinten, daß niemand sie in ihren vier Wände sehen könnte, kam der Hausgeist, trieb sie auseinander und drängte den Schreiber unsanft zur Türe hinaus. Er packte darüber hinaus sogar noch einen Besenstiel und setzte ihm nach, so daß der Hals über Kopf nach seiner Kammer eilte und seine Liebe ganz vergaß. Hinzelmann soll ein Spottlied auf den unglücklichen Liebhaber gemacht, es zur Kurzweil auch oft gesungen und den Gästen auf dem Schloß unter Lachen vorgesagt haben.

Der Geist schied freiwillig, nachdem er vier Jahre zu Hudemühlen gelebt hatte, vom Jahr 1584 bis 1588. Wahrscheinlich hatten ihm seine Verwandten im Böhmerwald verziehen, und er konnte wieder heimkehren. Ehe er von dannen gezogen, hat er noch gesagt, er werde einmal wiederkommen, wenn das Geschlecht herunterkomme, und dann werde es aufs Neue wieder blühen und aufsteigen.

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