Dienstag, 24. März 2015

Warum muss immer gleich die Welt gerettet werden?

Ein paar Gedanken zum Inhalt von Fantasy-Romanen von Kurt Eberl:


Wenn ich jemandem, der mich noch nicht näher kennt erzähle, dass ich gerne Fantasy lese, werde ich oft bestenfalls mitleidig angelächelt und bin danach bei demjenigen garantiert unten durch. Fantasy, das ist keine Literatur, bekomme ich von weniger höflichen Menschen gesagt, kein Niveau, kein Zeichen von Bildung, kein guter Geschmack.


Tja, das Schlimmste ist, ich gebe den Leuten allmählich Recht! Ich finde es immer schwerer ein Buch zu finden, das es zu lesen lohnt. Fantasy oder nehmen wir gar den größeren Begriff „Phantastische Literatur“, um im Gegensatz zur „High Fantasy“ auch die, die in unserer Realität spielen bzw. beginnen und dann bricht irgendetwas Phantastisch-Unreales in die Realität ein, mit zu erfassen, bringt jeden Monat ein Dutzend neuer Romane auf den Markt. Man wird regelrecht erschlagen von dieser Menge. Doch sieht man genauer hin, findet man viel zu viel Schund, zu viel ständig in die selbe Kerbe hauen, zu viel geistlose Wiederverwendung alter Zyklen, zu viel Oberflächlichkeit, zu viele Stereotypen. Immer ist da ein Held, der nichts von seiner Bestimmung weiß und sich erst mal sträubt, aber dann doch die Welt rettet. Es muss immer gleich eine ganze Welt gerettet werden, darunter tun sie’s nicht. Und der Gegner ist immer ein abgrundtief böser Tyrann, ein machtgieriger Zauberer oder ein finsterer, mächtiger Dämon. Der Held hat irgendwelche ungeahnten, besonderen Fähigkeiten und muss entweder ein Artefakt finden oder eins zerstören. Die Welt ist meist so düster, dass man sich fragt, warum einer wirklich Wert darauf legt, sie zu retten. Die Gefahren sind zahlreich und die Hindernisse groß. Der Weg ist weit – meistens dauert er drei möglichst dicke Bände. Und alles spielt immer im Mittelalter. Oder besser in einer Art Pseudomittelalter. Denn es sieht da so aus, wie sich ein Laie, der sich nicht viel damit beschäftigt hat, das Mittelalter vielleicht vorstellt. Und die Figuren reden so künstlich gedrechselt und nachgemacht archaisch, dass es manchmal richtig weh tut. Fürwahr, meiner Treu, erblicken meine Augen solch Geschreibsel, fühle ich wahrlich Zorn in mir empor wachsen, umfängt urplötzlich Nacht meine sonst allzeit lichten Gedanken.
So redet doch keiner und hat auch noch nie einer geredet!


Dabei gibt es keine Literaturgattung, die so unendlich viele Möglichkeiten bietet wie die Phantastische Literatur. Eigentlich sind alle anderen Gattungen in ihr enthalten und zusätzlich kommt noch das so überaus vielseitige phantastische Element hinzu. Was könnte man da nicht alles schreiben? Aber wenn man es tut, muss man entweder aus Russland sein wie Sergej Lukianenko oder die geheimnisvollen Autoren von Max Frei, Terry Pratchett oder Walter Moers heißen oder einen Jugendroman verfassen. Trifft keiner der genannten Punkte zu, sollte man seinen Helden ganz schnell ins Mittelalter versetzen und die Welt retten lassen.


Dabei sind viele dieser Ro­mane durchaus gut ge­schrie­ben. Man merkt beim Le­sen durchaus, der Autor versteht etwas von seinem Handwerk und eigentlich ist er richtig gut. Trotzdem tut er letztlich nichts anderes, als recyceln. Dagegen ist ja im Grunde auch gar nichts zu sagen. Aber bei der Fülle der Möglichkeiten, allein schon in der Mythologie, müssen es da immer dieselben 2-3 sein? Und selbst wenn der Held erst noch in unserer eigenen Welt herum spaziert, irgendwann öffnet sich ein Tor und zieht ihn in eine andere Welt, die dann tiefstes Mit­telalter mit ein paar ma­gischen Elementen präsentiert. Das kann doch wohl nicht sein! Nicht alle fremden Welten können im Mit­telalter stecken geblieben sein oder haben überhaupt eine Entwicklung in diese Richtung genommen. Inzwischen bin ich ja schon froh, wenn der jeweilige auftretende König nicht Artus heißt. Gibt es vielleicht ir­gendwo in einer Zwischenwelt eine fin­stere Bande von Zensoren, die bei Fantasyautoren eindringen, ihnen eine Pistole an den Kopf halten und be­fehlen: „Na los, schreib das um! Mach aus dem Chef einen schwarzen Ma­gier, aus dem Büro ein Königreich und der nette Kollege wird ein schwa­cher König, dem zu helfen ist. Und schnall deinem Helden endlich ein Schwert um!“


So verführerisch diese Theorie ist, sie ist nicht schlüssig. Denn es gibt ja auch noch die Leser. Wenn niemand solche Bücher kauft, würden sie auch nicht geschrieben. Aber warum kaufen die Leute Bücher, in denen in Variationen immer dasselbe steht? Es können ja nicht alles Germanisten sein, die Stile analysieren und sich an der oft anachronistischen Wortwahl begeistern.


Ich habe mich dazu mal ein bisschen umgehört. Ein sehr häufig genannter Grund war: Flucht vor der wenig lockenden Realität. Nun, das trifft ja eigentlich auf jedes Buch zu. Sobald ich mich fest gelesen habe, lasse ich die Wirklichkeit hinter mir, bis ich das Buch wieder zuklappe. Nichts ist angenehmer, als gefährliche Abenteuer zu bestehen und dabei gemütlich und sicher in seinem Lieblingssessel zu sitzen. Bei den Lesern der Standardfantasy – um sie mal respektlos so zu benennen – aber kommt noch etwas ganz besonderes dazu: Sie wollen vor der Wirklichkeit flüchten, aber bitteschön in eine Welt, die ihnen wohlbekannt ist. Deshalb sollen Elfen immer gut und Orks immer schlecht sein. Die Guten sind durch und durch gut, die Bösen nur böse. Schwarz-weiß, wohin man sieht. Selbst die kleinste Grauschattierung irritiert nur. Und die Helden müssen am Ende schlicht und einfach gegen das Böse siegen. Das ist auch mit ein Grund, warum es dicke Bücher sein müssen und Trilogien. Da kann man sich besser heimisch fühlen. Letzteres kann ich dabei sogar noch gut verstehen, denn wem hat nicht schon mal bei einem ganz besonders guten Buch leid getan, von den Charakteren darin Abschied nehmen zu müssen. Terry Pratchett hat jedoch mal gesagt: „Aber beim Entkommen geht es um das Wohin und Wovon. Man sollte einen lohnenden Ort aufsuchen und durch Erfahrung gewachsen zurückkehren. Zu viel angebliche "Fantasy" ist nur leerer Zucker, Leben mit abgeschnittenen Krusten.“
Zugegeben, ein wenig Zucker hin und wieder ist was Leckeres. Mundgerechte Häppchen ohne Kruste auch. Außerdem läuft man bei letzteren keine Gefahr, sich einen Zahn auszubeißen. Aber immer nur Häppchen? Ich weiß nicht.


Schuld ist natürlich Tolkien. Mit „Herr der Ringe“ hat er eine so überwältigende Vorlage geschaffen, dass die Versuchung, etwas ähnliches zu machen, einfach zu groß war. Damit war auch gleich festgelegt, dass die Welt mittelalterlich sein muss, die Elfen edel und die Zwerge stur, dass ein Held mehr oder weniger allein auf eine Queste gehen muss um das Böse zu vernichten und dass ein magischer Gegenstand eine wichtige Rolle spielt. All die Zwischentöne, Ne­benhandlungen und Anklänge zwischen den Zeilen, die „Herr der Ringe“ so wunderbar machen, gingen bei den Nachahmungen jedoch verloren.
Nach der Versuchung, Tolkien nachzueifern kam dann die Verlockung, schnell Geld zu verdienen. Denn keiner kann mir erzählen, dass es nicht einfacher ist, eine Standardhandlung zu variieren, als sich einen eigenen, umfassenden Plott auszudenken. Manche Autoren nutzen die Standardfantasy ja, um einen Fuß ins Geschäft zu kriegen und danach zu eigenen Ideen zu schwenken. Andere bleiben dabei, weil es so schön bequem ist. Von den Fließbandschreibern (Hohlbein-Fans mögen mir verzeihen) will ich gar nicht reden.


Seltsamerweise finden sich in der Fantasy-Jugendliteratur weitaus eher frische Ideen, als in der für Erwachsene. Harry Potter ist da eigentlich nur ein Beispiel unter vielen. Die "Klippenland-Chroniken" oder die „His Dark Materials-Trilogie“ sind so ausgezeichnete Reihen wie „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ ein gelungener Einzelroman ist. Wie kommt das? Sind Jugendliche anspruchsvoller? Oder haben sie nur weniger Angst vor Neuem? Ist vielleicht ihre Phantasie noch unverbrauchter? Stellt das uns Erwachsenen nicht ein Armutszeugnis aus? Vielleicht sind aber auch nur die Verlage für Jugendliteratur risikofreudiger als die anderen. Einen Fantasy-Roman für Erwachsene zu veröffentlichen, der nicht dem Standardschema entspricht, ist ungleich schwerer. Standardfantasy sells – also wird sie auch bevorzugt gedruckt.


Ich jedenfalls möchte weiterhin neugierig ein Buch aufschlagen und mich vom Inhalt voll und ganz überraschen lassen. Es soll nicht immer der Drache böse und der Troll vertrottelt sein. Ich möchte Grauschattierungen.
Wenn ich dann im Freundeskreis erzähle, ich lese gern Jugendromane, wird das mein Ansehen natürlich auch nicht heben. Da werde ich mich dann doch auf Walter Moers rausreden müssen, dessen "Zamonien"-Bücher oft nicht mal bei Fantasy stehen, sondern bei der 'richtigen' Belletristik. Oder auf Terry Pratchett. Und mit einem weiteren Zitat von ihm möchte ich mich auch verabschieden, denn es spricht mir so voll und ganz aus der Seele, dass nichts mehr hinzuzufügen ist: „Die besten Geschichten aber führen zu einem Ziel. Zu neuen Orten, von wo aus sich die Welt betrachten lässt. Das Interesse an Fantasy weckte in mir als Kind Interesse an Büchern im Allgemeinen, und in Büchern über Astronomie und Paläontologie entdeckte ich einen tiefen Sense of Wonder, den nicht einmal Mittelerde schlagen konnte.
Gehen wir nicht einfach nur fort. Gehen wir woandershin. Und wenn wir dabei auf Elfen herumtrampeln können, umso besser.“

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