Dienstag, 10. März 2015

Die Fuchsfee

Sie ist schön, mit glänzend schwarzem Haar, das ihr bis zu den Fersen fällt und sie einhüllt wie ein Umhang. Jede ihrer Bewegungen ist grazil und voller Anmut. Ihr Körper ist geschmei­dig, ihr Geschmack erlesen. Sie vermag angenehm zu plaudern, zu singen und zu tanzen und ein Blick aus ihren dunklen Augen genügt, damit ihr jeder Mann hoffnungslos verfallen ist. Sie ist kokett und elegant und manchmal hat sie neun Schwänze. Sie gilt als klug und listig und ihr Name ist untrennbar mit Erotik und Sinnlichkeit verbunden: Die Fuchsfee.

Fuchsfeen sind Wesen der asiatischen Mythologie, die viel mit ihren europäischen Verwandten, den Feen, gemeinsam haben. Trotzdem sind sie von ganz eigener Art, denn Fuchsfeen sind nicht von vornherein Wesen der Anderwelt, sondern die Geister von Füchsinnen, die aus eigenem Wunsch heraus menschliche Gestalt angenommen haben. Und daran ist eigentlich immer die Liebe schuld.

Die chinesische und japanische Mythologie sieht es als ganz selbstverständlich an, daß alle Dinge und Lebewesen in der Lage sind, menschliche Form anzunehmen und magische Kräfte zu besitzen. Sie müssen nur die nötige Energie dafür ansammeln können. Zu den Quellen für solche Energie gehört zum Beispiel der menschliche Atem oder die Essenz des Mondes bzw. der Sonne. Man erzählt sich denn auch von Füchsen, die sich bei Nacht in Häuser schleichen und den Schlafenden den Odem stehlen. Das sind Füchse, die es eilig haben, denn die Energie des menschlichen Atems ist größer als die des Mondes, welche wiederum die der Sonne übertrifft. Mit Atemluft geht es also am Schnellsten, aber die Gefahr getötet zu werden, sollte der Schläfer oder ein Familienmitglied aufwachen und den Fuchs entdecken ist auch ziemlich groß.

Der Fuchs ist also besser beraten, wenn er im Mondlicht badet und so die Energie in sich aufnimmt. Das ist entschieden ungefährlicher, denn er wird von Menschen, die ihn bei einem nächtlichen Spaziergang vielleicht bemerken, zwar mit einem gewissen Mißtrauen, aber ebenso mit Ehrfurcht betrachtet. Und auf jeden Fall werden sie ihn in Ruhe lassen, denn er ist ja nicht in ihrem Territorium, sondern sie in seinem. Man weiß ja auch nie, wieviel Energie er schon beisammen hat und wann er sich letztlich verwandeln wird. Und wer kann schon sagen, wie gut das Gedächtnis eines solches Wesens ist und wie stark seine Rachegelüste. Verwandelte Füchse sind nämlich nicht nur schöne Frauen, sondern auch magische Wesen mit übermenschlichen Kräften und der Macht der Zauberei. Viele von ihnen sind gutherzig und freundlich. Aber es gibt auch grausame und hinterhältige unter ihnen, die den Männern, die sie begehren, während des Liebesaktes nach und nach das Leben aussaugen.
Apropos Liebesakt: Damit wären wir bei einem wesentlichen Punkt im Umgang mit Fuchsfeen, egal ob freundlich oder nicht. Die erotische Ausstrahlung einer Fuchsfee ist mit nichts zu vergleichen. Wenn sie einen Mann haben will und es darauf anlegt, wird er ihr hörig werden, im Guten wie im Bösen. Ein Liebesabenteuer mit einer Fuchsfrau ist so berauschend, daß ein Mann, der so etwas erlebt hat, hinterher keinen Gefallen mehr an „normalen“ Frauen findet. Fuchsfeen deswegen jedoch einfach als nymphomanisch veranlagte Luder abzustempeln, wäre zu einfach. Füchse gelten in Asien als Wesen mit menschlichen Emotionen. Sie sind sinnlich im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Sinne von Füchsen sind nunmal in vielerlei Hinsicht schärfer als die von Menschen. Entsprechend sind sie zu tiefem, wirklich tiefem Haß fähig – oder zu inniger Liebe. Und asiatische Füchsinnen haben anscheinend ein ganz besonderes Faible für menschliche Männer. Daß ein männlicher Fuchs jemals eine menschliche Frau geliebt hat, ist nicht bekannt. Es sind immer die Füchsinnen, die die Last des Verwandelns auf sich nehmen, um dem geliebten Mann nahe sein zu können. Und es kommt gar nicht so selten vor, daß Fuchsfeen heiraten und menschliche Kinder gebären.

Um die geheimnisvollen Fuchsfeen ranken sich viele Geschichten und Legenden. Die wohl bedeutendste Sammlung von Erzählungen über Fuchsfeen entstand Anfang des 18. Jahrhunderts n. Chr. in China: "Seltsame Geschichten aus dem Liaozhai". Der Verfasser Pu Songling schildert darin in einzigartiger Erzähltechnik verschiedene weibliche Gestalten in Form von "Fuchsfeen", die zahlreiche übermenschliche Eigenschaften besitzen. Die Fuchsfeen in dieser Sammlung treten meist in Gestalt von schönen, gutherzigen, jungen Frauen auf. Xiaocui, die Hauptfigur einer Geschichte, gilt als die brillanteste dieser Gestalten. In dieser spannenden und interessanten Geschichte wird eine reine, gütige, findige und beliebte junge Frau geschildert, wobei dem Leser erst am Schluss der Geschichte klar wird, dass Xiaocui eigentlich eine charmante, kleine Fuchsfee ist, die sich bei der Familie Wang auf ihre Art dafür bedankt, daß diese einmal ihre Mutter gerettet hat.

Geschichten über gutherzige Fuchsfeen, die von ihren Geliebten nach dem ersten Rausch der Liebe schlecht behandelt werden, sind selten, aber es gibt sie. Eine Geschichte Songlings erzählt beispielsweise, wie eine Fuchsfee, die einen armen Schriftgelehrten finanziell unterstützte, von diesem, nachdem er reich geworden war, mit Hilfe eines Alchimisten verjagt wurde. Empört über die Undankbarkeit des Schriftgelehrten forderte die Fuchsfee alles, was sie dem Buchgelehrten gegeben hatte, zurück und bestrafte ihn. Das erinnert doch schon sehr an ihre europäischen Schwestern, die sich immer besonders schrecklich rächen, wenn man sie schlecht behandelt oder gar ein Versprechen bricht.
Auch schöne, aber brutale Fuchsfeen sind bekannt. Ob da ein Kindheitstrauma mit einem übereifrigen Jäger dahintersteckt, wer weiß? Diese Feen sind jedenfalls mit Vorsicht zu genießen, besitzen aber auch die größte sexuelle Anziehungskraft. Solche Feen locken einen sorgfältig ausgewählten Mann in ihr Bett und nehmen mit seinem Samen auch die Lebensenergie des Mannes nach und nach in sich auf. Der Mann wird zunehmend schwächer, seine Haut wird welk und gelb. Er wird schlapp und kraftlos und kann sich kaum wach halten. Aber zu der Fuchsfee wird es ihn weiterhin ziehen. Solange, bis er entweder stirbt oder bis sie ihn entläßt, denn auch Letzteres kommt vor. In diesem Fall enthüllt sie ihrem Liebhaber ihre wahre Identität und bricht damit den Zauber. Und zum Abschied schenkt sie ihm noch ein Säckchen mit Kräutern, die ihn wieder zu Kräften kommen lassen.

Selbst diese bösartigen Fuchsfeen haben also oft noch einen Rest Barmherzigkeit in sich. Anders als so mancher Mensch – meist weiblichen Geschlechts – der bestrebt ist, die Fuchsfee ganz und gar in Mißkredit zu bringen. Nennt eine chinesische Frau z.B. eine andere eine Fuchsfee, so ist das beileibe kein Kompliment.
Aber wir wissen es jetzt ja besser, nicht?

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