Dienstag, 17. Februar 2015

Der Phönix

Noch liegt ganz Ägypten in tiefem Schlaf, doch am Horizont zeigt sich schon der erste Schimmer der Morgenröte. Benu, der goldene Vogel, hat sein Nest aus Weihrauch und Spezereien vor den Mauern von Heliopolis vollendet und setzt sich hinein. Und während die Sonne aufgeht, singt er sein herrlichstes Lied, breitet die Flügel aus und fängt die ersten Sonnenstrahlen darin ein. Das Gold seiner Federn gleißt auf und sprüht Funken. Diese Funken aber entzünden das Nest und Benu  - versunken in sein Lied – verbrennt. Bald ist von Vogel und Nest nur noch ein Häuflein Asche übrig. Doch was ist das? Als der Wind darüber streicht und die oberste Schicht mit sich nimmt, wird etwas helles sichtbar. Es ist ein Ei.
Es dauert nicht lange, die Schale bricht auf und heraus kommt Benu, der goldgefiederte Purpurreiher, verjüngt und wieder geboren.

Der Phönix(altgriechisch phoínix „leuchten“), wie der uns eher geläufige Name dieses Wundervogels ist, existiert nur einmal in der Welt. Er hat keine Eltern und keine Geschwister, gebiert sich nur immer wieder aus sich selbst heraus. Die Ägypter sahen den Phönix, oder eben Benu, wie schon erwähnt als goldgefiederten Vogel, der in Gestalt und Größe an einen Reiher erinnert. Er wurde ursprünglich aus der Asche des Gottes Osiris geboren und hat somit quasi einen Hauch Göttlichkeit abbekommen. Logischerweise eifert er dem Gott nach, aus dem er entstand. Denn auch Osiris wurde ja ermordet und ist unter tatkräftiger Mitwirkung seiner Gattin Isis wiederauferstanden. 
So weit, so gut. Aber der Phönix blieb nicht in Ägypten, er machte sich regelrecht auf eine Weltreise und wohin er auch kam, jedes Mal sah er ein wenig anders aus.
Zum ersten Mal unter dem Namen Phönix erwähnt hat ihn Hesiod im 8. Jahrhundert v. Chr. Später berichteten auch zahlreiche andere Autoren aus der Antike über die Gestalt und den Lebenszyklus des Vogels. Herodot, der große griechische Geschichtsschreiber, beschreibt den Phönix, den er zwar nicht selbst, wohl aber als Bild gesehen hatte, als einen adlerähnlichen Vogel, dessen Federkleid teils golden und teils purpurrot gefärbt war. Der Vogel soll auch über einen betörenden Gesang verfügt haben. Er ist ein äußerst friedfertiger Vogel, der nie ein Lebewesen tötet und sich nur von Tau ernährt. Die Lebensspanne des Phönix betrug - je nach Autor - 500, 540, 1000, 1461 oder sogar 12994 Jahre.
Der römische Dichter Ovid wiederum schildert ihn in seinen „Metamorphosen“ so:
Einen Vogel gibt es, der selbst sich erzeugt und erneuert. Phoenix nennt der Assyrier ihn. Er lebt nicht von Frucht und Kräutern, sondern von Zähren des Weihrauchs, vom Saft des Amomum. Hat seines Lebens fünf Jahrhunderte dieser erfüllt, dann baut er sich selbst mit den Klaun und dem reinen Schnabel ein Nest im Eichengezweig oder auch im Wipfel der schwankenden Palme. Hat er Casia dort und die Ähren der schmiegsamen Narde, gelbliche Myrrhe dazu und gestoßenen Zimt unterbreitet, bettet er selbst sich darauf und endet in Düften sein Leben.  

Nach Ovid ist die Heimat des Phönix also eigentlich Assyrien und von Verbrennen keine Spur. Der sagenhafte Vogel taucht jedoch in den Mythologien vieler Länder auf. So gibt es Gegenstücke in China („Feng Huang“), Japan („Ho-oo“), Russland („Feuervogel“ und „Sirin“), Amerika ("Thunderbird") und Deutschland (der goldene Vogel aus dem Märchen der Brüder Grimm). Und in der armenischen Sage Hazaran Blbul wird die Aufgabe beschrieben, in der ein Vogel zu fangen ist; allerdings leuchtet der Vogel in dieser Version nicht, sondern lässt das Land durch seinen Gesang prachtvoll erblühen.

Und auch diese Vögel verbrennen sich längst nicht alle selbst. Vom "chinesischen Phönix", dem Feng Huang, heißt es zum Beispiel, er wäre einfach nur unsterblich, d.h. er wird gar nicht erst alt, muss sich also auch nicht verjüngen. Wie auch Kilin, das chinesische Einhorn, erscheint der sagenhafte Vogel nur in Zeiten des Friedens und des Wohlstands, in der Regel auch dann, wenn ein neuer gütiger Herrscher den Thron besteigt. Er hat ein  besonders am Schwanz sehr feuriges und buntes, in den 5 heiligen Farben Rot, Blau, Gelb, Weiß und Schwarz gefärbtes Federkleid. In den meisten Erzählungen wird der Feng Huang als Vogel mit dem Kopf und Körper eines Fasans und den Federn eines Pfaus beschrieben. Er soll auch 3 (!) Beine haben, obwohl er in Bildern meist mit 2 Beinen dargestellt wird.
Der Feng Huang stellt eigentlich 2 Vögel dar, denn wie in der chinesischen Namensgebung üblich, steht Feng für den männlichen und Huang für den weiblichen Vogel. Der Feng Huang wird auch als Kaiser aller Vögel bezeichnet, weil die anderen Vögel des Himmels ihm zu Ehren seinem Flug folgen. Der Feng Huang baut sein Nest weit weg von den Menschen auf besonderen Bäumen in den Kunlun-Bergen. Der Sage nach soll der Vogel jeden, der unter einem solchen Baum ein Musikinstrument spielt, dadurch erfreuen, dass er dem Lied seine eigene süße Melodie hinzufügt.  

Auch der russische Feuervogel (russisch schar-ptitsa - Hitzevogel) ist nicht dafür bekannt, dass er sich selbst verbrennt. Er hat seinen Namen eher von dem magischen Glühen seines Gefieders, das Rot, Orange und Gold strahlt, etwa wie die Glut eines Lagerfeuers. Einzelne Federn glühen weiter, nachdem sie ausgefallen sind, eine allein vermag einen größeren Raum zu erhellen. Auch er scheint es nicht nötig zu haben, sich zu verjüngen. Magisch und von zauberhafter Schönheit ist der Vogel natürlich sehr begehrt und immer wieder Ziel einer mehr oder weniger großen Fangaktion. Am bekanntesten ist vielleicht die Legende Iwan Zarewitsch, der Feuervogel und der graue Wolf:
Darin geht es um einen Zaren, der drei Söhne hat und einen prachtvollen Obstgarten, in dem ein Baum mit goldenen Äpfeln wuchs. Diese Äpfel wurden nun Nacht für Nacht geraubt. Jeder der älteren Söhne stand einmal des Nachts Wache, aber nur der Jüngste, Prinz Iwan, schlief nicht dabei ein und konnte so entdecken, wer der Dieb war: der Feuervogel.
Die drei Prinzen zogen nun aus, den Vogel zu fangen. Prinz Iwan begegnet einem Wolf, der ihn zu dem Schloss trägt, in dem der Feuervogel zu finden ist. Die Ratschläge des Wolfes, wie der Vogel am besten zu Rauben ist, vergisst der naive Prinz natürlich und so wird er gefangen genommen. Um wieder frei zu kommen, muss er das Pferd mit der goldenen Mähne beschaffen. Bei dem Raub stellt er sich auch ziemlich dumm an und muss deshalb eine schöne Prinzessin rauben, wenn er das Pferd bekommen will. Das Mädchen entführt der graue Wolf dann sicherheitshalber lieber selbst und sorgt dann auch noch dafür, dass Prinz Iwan die Prinzessin, das Pferd und den Vogel für sich behalten kann. Dann rettet er ihn auch noch vor seinen beiden neidischen Brüdern. Im Gegenzug kann der Zarewitsch den Wolf erlösen, der ein verzauberter Mann war.
Der Feuervogel spielt also eine eher passiver Rolle. Sehr abenteuerlustig ist er anscheinend nicht. Aber seine Faszination war immerhin groß genug, um als Vorlage und Inspiration für Werke zu dienen, wie das Ballettstück „Der Feuervogel“ von Igor Strawinsky.

Im 4. Jahrhundert n. Chr. veränderte sich der Phönix-Mythos dahingehend, dass der Vogel zum ge- gebenen Zeitpunkt sein eigenes Nest anzündet und von den Flammen verzehrt wird. Nach 3 Tagen erhebt sich der Phönix dann wieder aus der Asche. Im Mittelalter beschrieb Adamus Lonicerus dies sehr anschaulich in seinem berühmten „Kreuterbuch“: „... fleugt hoch über sich zu der Sonnen Glanz und macht ihm mit dem Wind seiner Flügel ein Feur und verbrennet sich darinnen selbst und stehet wiederum von den Aschen lebendig auf, wird erstlich ein Wurm und bekommt am dritten Tag Federn...“ Auf Bildern wird der Phönix jetzt oft mit einem Flammenmantel dargestellt.
Zu dieser Zeit wurde die Phönix-Legende auch mit der Wiederauferstehung Christi in Verbindung ge- bracht und der Vogel wurde ein Symbol sowohl für die Unsterblichkeit als auch für das Leben nach dem Tode.
Darauf läuft es also hinaus: alle paar hundert Jahre verbrennt sich der Phönix selbst, um aus seiner Asche wieder neu zu erstehen. Mehr ist es im Prinzip nicht. Es gibt keine Erzählungen von großen Abenteuern, die der Vogel erzählt, keine Berichte von seiner jahrhundertealten übergroßen Weisheit, die er Menschen zuteil werden lässt, die sich dessen als würdig erweisen.

Der Vogel ist zwar so etwas wie unsterblich, aber eine höhere Aufgabe, ein besonderes Ziel hat er nicht. Immerhin bescheinigen ihm einige Quellen, dass er ganz besonders süß singen kann. Manchmal macht er das aber auch nur im Todeskampf.
Trotzdem übt der Phönix auf die Menschen eine besonders große Fazination aus, so groß, dass er sich nicht nur in der Redewendung „Wie ein Phönix aus der Asche“ findet, womit gemeint ist, dass etwas, das schon verloren geglaubt war, aber in neuem Glanz wieder erscheint.
So ist der mythische Vogel gern in der Heraldik vertreten. Da sieht er dann eher wie ein Adler aus, der aus einer Feuerlohe emporsteigt – oder wenigstens einem Lagerfeuer, wie bei der Gemeinde Buko, ein Ortsteil der Stadt Coswig (Anhalt) im Landkreis Wittenberg in Sachsen-Anhalt.

Zahlreiche Firmen und ganz besonders Versicherungen haben den Vogel auch sehr gern. Da gibt es einen gleichnamigen Fernsehsender, eine Firma für Technologie, einen Veranstalter oder ein Reisemobil. Ach ja, und die Pharmaindustrie hat auch eine Schwäche für den schönen Vogel. Kein Wunder, Verjüngung und Wiederauferstehung sind schöne Träume. Auch wenn kein einziges Medikament dergleichen wirklich bietet, die Assoziation ist allemal vorhanden.
Der Titel des Films "Der Flug des Phoenix" (1965, orig. The Flight of the Phoenix) nimmt ebenfalls Bezug auf die Fähigkeit des Phönix, aus seiner eigenen Asche wieder zu erstehen. In dem Kinofilm "Star Trek: Der erste Kontakt" (1996) ist "Phoenix" der Name des ersten überlichtfähigen Raumschiffes der Menschheit.
In der Fantasy-Literatur und Spielen dieses Genres erscheint der Phönix natürlich auch, so wie in den "Harry Potter"-Romanen von Joanne K. Rowling. erscheint In der Videospielreihe Final Fantasy, kann der Spieler einen Phönix herbeirufen der flammenwerfend in das Spielgeschehen eingreift. Und in Age of Mythology und Warcraft 3 kann ein Phönix beschworen werden, der sich durch seine eigene Hitze Schaden zufügt und sich bei seinem Tod in ein Ei verwandelt, aus dem er wieder aufersteht. Im Manga Yu-Gi-Oh! ist er die "wahre Form des geflügelten Drachen des Ra".

Der Phönix ist also auch heute noch fröhlich und munter. Und mit ein bisschen Glück wird er das auch ohne Feuer und Flammen noch lange bleiben.


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