Dienstag, 30. Dezember 2014

Die Fee Melusine

Feen sind Bewohner eines Reiches zwischen Natur und menschlicher Zivilisation, noch nicht ganz Mensch, aber auch nicht mehr so recht unirdisch. Aber anscheinend zieht es sie doch eher zur irdischen Seite, denn sie vermählen sich gerne mit menschlichen Männern. In den seltensten Fällen geht das aber gut. Das berühmteste Beispiel für so eine gescheiterte Ehe erzählt die Sage von der Fee Melusine aus Frankreich. Schon ihre Mutter – die Fee Persine – hatte einen Menschen geheiratet, König Elinas. Dem schenkte sie drei Töchter. Die jüngste davon war Melusine. Die drei ‚Jungfeen’ waren der Meinung, König Elinas wisse gar nicht zu schätzen, daß er eine echte Fee zur Frau habe. Besonders Melusine glaubte, er würde ihre Mutter schlecht behandeln und verbannte ihn kurzerhand in einen Berg. Darüber war wiederum ihre Mutter, die sich bei ihrem Gatten eigentlich recht wohl gefühlt hatte, sehr erbost. Der Zauber ließ sich nämlich nicht mehr rückgängig machen, König Elinas blieb im Berg eingeschlossen.
Melusine aber wurde schwer bestraft: Sie wurde ins Poitou verbannt, genauer gesagt in den Wald Coulombiers, wo sie eine Grotte neben einer Quelle bezog. Das allein war natürlich keine besonders schwere Strafe, denn das ist ein hübsches Fleckchen Erde. Außerdem gab es dort schon einige Quellnymphen, die der schönen Fee gerne Gesellschaft leisteten. Die eigentliche Strafe war etwas ganz anderes: Melusine verwandelte sich jeden Samstag von der Hüfte abwärts in eine Schlange. Dieser Bann sollte erst gebrochen werden, nachdem Melusine sieben Jahre mit einem Menschen, der ihr Geheimnis nicht kennen durfte, verheiratet wäre.
Melusine lebte also in ihrer Grotte, und die Samstage verbrachte sie mit Schlangenschwanz in dem von der Quelle gespeisten Bach liegend. Eines schönen Tages – kein Samstag – kam Raymondin, der Sohn des Grafen von Forest zu der Grotte. Er hatte sich auf der Jagd verirrt und wollte sich im Schatten ein wenig erholen. Er schlummerte ein und, als er wieder erwachte, fand er ein wunderschönes Mädchen über sich gebeugt: Melusine. Natürlich verliebte der sich sofort in die schöne Dame und begehrte sie zur Frau.
Melusine war einverstanden, mußte aber eine Bedingung stellen, wenn sie langfristig ihren Schlangenschwanz loswerden wollte: Raymondin durfte sie niemals an einem Samstag zu sehen wünschen. Raymondin willigte ein, und zusammen gründeten sie das Geschlecht derer von Lusignan. Mit den Jahren schenkte die Fee ihrem Mann mehrere Söhne. Alle waren sie tapfer, aber jeder hatte irgendwo einen Makel – so hatte ihr Sohn Goffroy einen übel vorstehenden Zahn in der Form eines Eberhauers.
Raymondins Bruder faßte bald eine Neigung zu seiner Schwägerin, die Melusine aber nicht erwiderte. Sie blieb Raymondin treu. Tief in seiner Mannesehre gekränkt sann Raymondins Bruder nun auf Rache. Und bald hatte er auch eine Idee, wie das am besten zu machen sei: Er verleumdete Melusine, sie treffe samstags ihren Liebhaber. Lange wollte Raymondin davon nichts wissen, aber irgendwann begann der Zweifel an ihm zu nagen und dazu kam noch die Neugierde, was seine Frau wohl so heimlich an den Samstagen triebe.
Schließlich, die sieben Jahre waren fast um, drang Raymondin doch an einem verbotenen Tag in Melusines Gemach und fand sie in einer mit Wasser gefüllten Wanne liegend, von der Hüfte abwärts in eine Schlange verwandelt. Hätte Raymondin nur noch eine kleine Weile sein Versprechen gehalten, wäre Melusine von ihrem Bann erlöst worden. So aber war die Chance vertan, und Melusine verwandelte sich erneut, diesmal in einen Drachen, der Klagerufe ausstoßend davonflog.
Handschriften, die über diese Sage berichten, reichen zurück bis ins 12. Jahrhundert. Die heute bekannstete Version aber stammt von Thüring von Ringoltingen aus dem Jahr 1456. Hier erhält Melusine jeden Sonnabend einen Fischschwanz und mutiert zum Meerweib. Es handelt sich dabei um einen Prosaroman und zwar einen der ersten dieser Gattung überhaupt. Er erzählt aber nicht nur die Geschichte von Melusine, sondern auch von ihren Erben. Es findet sich darin alles von einem Kampf mit einem Drachen, bis hin zu Brudermord, Sühne und Vergebung.

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