Dienstag, 18. November 2014

„Verfallen“ von Dorothea Renckhoff

Ein Sechzehnjähriger ohne Namen erzählt in schwülstiger und viel zu erwachsener Sprache von seinem Leben in einer Stadt, die ebenfalls keinen Namen, aber dafür ein Opernhaus hat. Sein Leben dreht sich um seine Freundin Anna, ein Mädchen aus gutem Haus, das, wie in ihren Kreisen üblich, erlesene Geschenke erwartet. Zumindest sieht das der namenlose Junge so und gibt mehr Geld für sie aus, als er sich eigentlich leisten kann.
Verständlich, dass er zugreift, als ein sonderbares Mädchen ihm ganz billig eine wunderschöne, nie gesehene Blume überlässt, mit der er bei Annas Festgesellschaft großes Aufsehen erregt. Doch schnell verwelkt diese herrliche Blume zu einem grauenhaften, matschigen Ding, worüber Anna ziemlich sauer ist.
Als nächstes erhält der Junge von dem sonderbaren Mädchen ein Samtkleid. Lassen wir dahingestellt, ob ein Sechzehnjähriger seiner Freundin ein Kleid schenken würde – es kommt jedenfalls, wie es kommen muss: Das Kleid ist am nächsten Tag ein ekliger Lumpen.


Lernt unser Erzähler daraus und hält sich in Zukunft von dem seltsamen Mädchen fern? Nein! Er ist tatsächlich so dämlich, sich noch ein drittes Geschenk andrehen zu lassen: einen Vogel, der wunderschön singt. Und natürlich ist er tags darauf ergraut und gibt keinen Pieps mehr von sich. Seine Freundin Anna ist der Junge damit los. Und man kann nicht umhin, sich zu denken, dass ihm da nur recht geschieht.


Das Altern im Zeitraffer ist überhaupt das Phänomen, dass die Geschichte zusammenhält. Da ist auch noch Lucille, die über Nacht ein gefeierter Opernstar wird, obwohl sie bis vor kurzem noch gar nicht singen konnte. Auch sie altert bemerkenswert schnell, als sie einmal nicht zu der Baracke gehen kann, aus der auch das seltsame Mädchen kommt und die der Quell für all die Gaben zu sein scheint, für die man mit Lebenszeit zahlt.


Ein halbwegs aufmerksamer Leser wird die Handlung also schnell nicht mehr allzu spannend empfinden.
Was aber wirklich ärgerlich ist, ist der Stil. Die Sprache des Erzählers ist so überhaupt nicht die eines Sechzehnjährigen. Und dann von der ersten Seite an diese Anspielungen und Andeutungen, dieses „mit dem Zaunpfahl winken“ ohne vielleicht auch einmal eine Auflösung der Rätsel in absehbarer Zeit zu bringen. Ein oder zwei Andeutungen sind ja schön und gut, um die Spannung zu erhöhen. Wenn das aber das hervorstechendste Stilmittel ist, ist das des Guten eindeutig zu viel. Der Leser braucht hier nicht nur ein exzellentes Gedächtnis, sondern auch eine Engelsgeduld. Und weil wir schon bei zu viel sind: Muss es denn wirklich seitenlang innerer Monolog sein, in dem alles erzählt wird? Den wichtigen Grundsatz für jeden Schriftsteller „nicht nur erzählen, sondern zeigen“ sollte sich die Autorin wirklich zu Herzen nehmen.


Wenigstens das Lektorat und die Aufmachung des Buches sind gut. Dafür gibt es einen Stern.


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