Dienstag, 25. November 2014

Seeungeheuer - Schrecken der Meere

Der heutige Beitrag ist von Renate Wolf:


Neben verführerischen Meerjungfrauen und wackeren Wassermännern beschäftigten dabei vor allem die unheimlichen Wesen die menschliche Phantasie. Und da stehen sie an erster Stelle: Die Seeungeheuer oder Seeschlangen.
Solche Riesenseeschlangen, hieß es, würden plötzlich aus den Tiefen des Meeres auftauchen, ihren ungeheuren Leib um Schiffe schlingen und diese dann, ähnlich einer Würgeschlange zusammendrücken, bis sie in tausend Stücke zerbarsten. Die dadurch freigelegten Matrosen und eventuell vorhandenen Passagiere hat diese Schlange dann genüsslich verspeist.

Grundlage für solche Ungeheuer dürfte neben Funden, zu denen wir noch kommen werden vor allem zwei mythische Geschöpfe sein: die Midgardschlange und der Leviathan.
Die Midgardschlange, eine die Welt umspannende Seeschlange aus der germanischen Mythologie, die man auch die Weltenschlange nannte. Sie wurde einst von Loki gezeugt und gehört damit zu den drei germanischen Weltfeinden. Der Gott Thor begegnet ihr dreimal, und tritt zweimal an, sie zu vernichten.
So wird im Mythos von Thors Fischzug berichtet, wie er zusammen mit dem widerstrebenden Riesen Hymir hinausrudert, um die Midgardschlange zu erlegen. Zuvor reißt Thor einem der Stiere Hymirs den Kopf vom Leib, um ihn als Köder an die Leine seiner Angel zu binden. Als die Schlange schließlich anbeißt, zieht Thor sie aus dem Wasser und will sie mit einem Hieb seines magischen Hammers Mjölnir erschlagen. Hymir jedoch erschrickt beim Anblick der Midgardschlange derart, dass er die Leine kappt und dem Biest die Flucht ermöglicht. Der Edda nach kommen beide lebend an Land, nach einer anderen Version erschlägt Thor aus Wut den Hymir und kehrt alleine ans Ufer zurück.
Während seines Aufenthalts in Utgard trifft Thor die Midgardschlange ein zweites Mal, wenn auch in Gestalt einer Katze. Dem Gott wird die Aufgabe gestellt, jene Katze zu stemmen, was ihm ob ihres gewaltigen Gewichts aber nicht gelingt.
Das dritte und letzte Mal trifft Thor zur Zeit der Ragnarök auf die Schlange. Dieses mal erschlägt er sie wirklich mit seinem Hammer Mjölnir, kann aber nur neun Schritte zurückweichen, bevor er an ihrem Gift stirbt.
Der Leviathan ist dagegen ein Seeungeheuer der jüdisch-christlichen Mythologie, das am Ende der Zeit von Gott persönlich vernichtet wird. Grundlage der Vorstellung des Leviathans dürften alte babylonische und kanaanitische Mythen sein. Die drachengestaltige mesopotamische Salzwassergöttin Tiamat hat dabei genauso viel Anteil wie das siebenköpfige Seeungeheuer Lotan, das mit dem Gott Yam (See) gleichgesetzt werden kann. Tiamat wurde vom menschenerschaffenden Gott Marduk besiegt, um aus ihrem Leib den Menschen eine Wohnstätte zu schaffen. Lotan wurde dagegen von dem kanaanitischen Götterpaar Baal und Anath besiegt.
Das Ende des Leviathans erinnert dagegen mehr an die germanische Mythologie, da auch sein Tod das Ende der Zeit anzeigt. Nach Psalm 104,26 hat Gott den Leviathan geschaffen, „um mit ihm zu spielen“. Nach dem Kapitel Avoda Zara des babylonischen Talmuds pflegt er dies in den letzten drei Tagesstunden zu tun, nachdem er die Tora studiert, über die Welt gerichtet und die Welt genährt hat. Im Mittelalter wurde der Leviathan dann aber von den Christen wie so vieles mit dem Teufel gleichgesetzt – die Zeit des Spielens war damit vorbei.
Mythologie allein aber hätte kaum eine so tiefe Furcht erzeugen können – die Seeungeheuer galten schließlich als durchaus reale Gefahr. Zu den Legenden mussten also auch noch glaubwürdige bericht und – noch besser – konkrete Funde hinzukommen.
Die frühesten Berichte über mysteriöse Seeschlangen stammen von Olaus Magnus (1490-1557) aus dem Reisebericht Historia de gentibus septentrionalibus von 1555 und dann von Nikolaus Gramius (1656).*In diesen Berichten ist von einem schlangenförmigen Tier die Rede, das bei verhältnismäßig unbedeutender Dicke die Kleinigkeit von 30 Meter (oder nach Olaus Magnus 1,5 Meilen) Länge aufweist. Es soll von brauner Färbung sein, mit einem langen, schmalen, mit einer Mähne umgebenen Kopf mit roten Augen.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts beschrieb der deutsche Abenteurer Martin Wintergerst die große Seeschlange, die er bei Fischfangreisen im Nordatlantik gesehen haben will.
1977 bargen die Makrelenfischer des japanischen Trawlers Zuiyo Maru mit ihren Fangnetzen vor der Küste Neuseelands einen über zehn Meter langen drachenartigen Kadaver aus einer Meerestiefe von etwa 300 bis 350 Metern Tiefe. Der Fischer Michihiko Yano entnahm eine Gewebeprobe und fotografierte den Fund, der dann wieder ins Meer geworfen wurde. Anhand der Fotos wurde teilweise vermutet, dass es sich um einen Plesiosaurier gehandelt haben könnte, während die Gewebeproben eher auf einen Riesenhai (Cetorhinus maximus) hindeuteten. Beim Verwesungsprozess von Riesenhaien entstehen zuweilen groteske Formen, die erwiesenermaßen schon in vielen anderen Fällen für Kadaver von Seeungeheuern gehalten wurden. Zwischen 1984 und 1997 erschienen zahlreiche Publikationen, die den Fund dann aufgrund widersprüchlicher Indizien schließlich abschließend als "ungelöstes Rätsel" bezeichneten.
1983 entdeckte Owen Burnham an einem Strand in Gambia Gambo, „die Große Seeschlange von Gambia"; dabei handelte es sich um ein an den Strand gespültes und bereits verwesendes Tier, dessen biologische Gattungszugehörigkeit nicht bestimmt werden konnte; es hatte eine Gesamtlänge von rund 4,7 Metern, einen delphinähnlichen Kopf mit kurzem Hals; die gemessene Länge des runden und spitz zulaufenden Schwanzes betrug etwa 1,4 und die Gesamtbreite des Tieres etwa 1,5 Meter.
Für die Möglichkeit der Existenz langgestreckter, schlangenartiger Seetiere wird das Vorhandensein ähnlicher ausgestorbener Tiere wie Hydrarchus oder Zeuglodon angeführt, doch können obige Angaben darauf beruhen, dass man reihenweise schwimmende Delphine, große Haifische, in Gruppen schwimmende Riesenhaie oder auch den Riesenseetang für die vielbesprochene Seeschlange gehalten hat. Als beispiel hierfür mag der Bericht eines Kapitäns gelten, der sich todesmutig einer auf dem Meer treibenden Schlange genähert hatte, um dann zu entdecken, dass es nichts weiter als ein dickes, mit Seetang und Muscheln überkrustetes Tau war.
Und dann gibt es bei den noch heute existierenden Meerestieren zum Beispiel auch Geschöpfe wie den Riemenfisch, einen bis zu zehn Meter langen Tiefseefisch mit einem langgestreckten Körper. Er besitzt einen pferdeähnlichen Kopf und einen Kamm, der einer Mähne sehr ähnelt. Damit dürfte er allerdings auch ein Anwärter für den ursprung eines anderen mythischen Meeresbewohners sein – dem Hippokamp. Das wiederum ist ein Fabeltier, vorne ein Pferd, hinten ein Fisch.
Wie auch immer – wer weiß schon wirklich, was in den Tiefen des Meeres lauert? Solange der Mensch keine Möglichkeit hat, in diese Untiefen einzudringen, ist irgendwie ja doch alles möglich, oder?

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