Dienstag, 11. November 2014

Die Disen

In uralter Zeit, vielleicht noch vor dem Einzug der Asen in Midgard, waren sie Göttinnen, die man um Schutz, Wohlstand und eine leichte Geburt anrief – die Disen. Oft werden sie auch mit den im keltischen wie auch ger­manischen Raum weit verbreiteten Matronae oder Matres verglichen, jenen dreigestaltigen Göttinnen, von denen noch heute Altäre, z.B. nördlich von Nettersheim am Rhein, erzählen.
Noch heute gibt es außerdem alte Steinhaufen, die Namen tragen, die an die Disen erinnern. Sie liefern uns einen Hinweis darauf, dass die Disen einst bei uns verehrt wurden. Aber im Grunde war ihr Kult weitverbreitet. Im Altisländischen hießen sie Disir, im Althochdeutschen Idisi, im Altenglischen Isen oder im Germanischen Itis.
Später galten die Disen als Götterbotinnen, Nornen oder Walküren. Auch als Schutzgeister oder besonders verehrte Vorfahrinnen sah man sie an. Heute zählt man die Disen am besten zu den Feen, d.h. nein, so ist das nicht richtig. Eigentlich sind sie eher die Ahnfrauen der Feen, denn sie vereinen Eigenschaften in sich, die sich inzwischen auf verschiedene Feengeschlechter verteilt haben. Man könnte also sagen, die Feen sind die Ur-ur-ur-ur...-Enkelinnen der Disen. Glaubt man Ethnologen wie z.B. Davidson in seinem Buch „Gods and Myths of Northern Europe“, dann haben die Disen Ragnarök – den Weltuntergang der Asen – als Einzige überlebt und die folgende Erneuerung eingeleitet. Danach begann dann sozusagen ihre zweite Karriere als Feen.

Das Fest der Disen, das Dísablot (Disenopfer), wurde in der Nacht zum 6. Januar gefeiert. Im Christentum wurden das Fest dann 'eingemeindet'. Man machte (natürlich) Männer aus den Dreien und statt Göttern wurden sie Gelehrte: Die drei Weisen aus dem Morgenland waren geboren und jetzt feiern wir am 6. Januar die 'Heiligen Drei Könige'.
Das Wort ”Dís" bedeutet in seiner ursprünglichsten Form ”Göttin" und ist auf die Sprachwurzel zurückzuführen, aus welcher alle frühen indoeuropäischen Sprachgruppen den Begriff der Göttlichkeit ableiten. Der Name Dís kann sowohl Göttin als auch sterbliche Frau von hohem Rang und Ehren bezeichnen. Diese Eigenschaft vererbten die Disen an Hulda, Frau Perchta und Frau Gode, die ebenso wie die Disen den Feldern Fruchtbarkeit bringen und die allgemein mit Geburt und Tod in Verbindung stehen. Ähnlich wie die Disen wird so Frau Perchta mit der Tätigkeit des Spinnens assoziiert, obwohl die Disen eher wie die Nornen das Schicksal spannen und weissagten. Das Spinnen (ohne Schicksalkündung) haben ausserdem die Nixen und verschiedene Wald- und Moosweibchen sowie die Nebelfrauen übernommen. 
Eine wesentliche Aufgabe der Disen war auch der Schutz. Oft blieb eine Dise auch, wenn der von ihr Geschützte letztendlich stirbt. Sie wird dann sozusagen vom Vater an den Sohn weitergegeben. Die Weißen Frauen, die besonders bei Fürstengeschlechtern anzutreffen sind, machen das auch so. Oft werden sie mit einer Ahnfrau assoziiert, die besonders tugendhaft war und nach ihrem Tod die Funktion eines Schutzgeistes für dieses Geschlecht, von Generation zu Generation übernahm. Die Weiße Frau achtet besonders auf den Haushalt und die Kindererziehung und kündet den Tod von Familienangehörigen an.

 Auch Feen verhalten sich bis zu einem gewissen Punkt ähnlich. Natürlich lassen sie sich nicht ‚weiterreichen‘, aber Schutz zu gewähren ist ihnen nicht fremd. Die englischen Feen kümmerten sie früher darüber hi­naus um die Er­ziehung junger Mäd­chen und be­reiteten sie auf die Ehe und den eigenen Hausstand vor. Andere Feen schützen dagegen bestimmte, von ihnen selbst erwählte Personen, wobei sie manchmal vorher prüfen, ob die den Schutz auch verdienen. Oft aber nehmen sie sich auch ganz besonders der Kinder an.

Die christlichen Schutzengel haben letztendlich auch die Disen zum Vorbild.
Disen wurden auch angerufen, um eine leichte und glückliche Geburt zu gewährleisten. In dieser Tradition fungieren nun z.B. die Moosweibchen gerne als Hebammen. Auch die „heilenden Hände“ der Disen wurden an die Kräuter- und Waldweiblein weitergegeben, an die Nixen und vor allem an die slawischen Vila, die ja eigentlich eher menschenfeindlich gesinnt sind, aber besondere Fähigkeiten in der Heilkunst besitzen.
Die Disen waren aber auch die Wächterinnen der Tore zur Anderwelt. Sie fungierten also als Bindeglieder zwischen den beiden Welten. Ein Druide, der mit der Anderwelt in Verbindung treten wollte, brauchte die Hilfe einer Dise. Dieses Element findet sich heute noch bei den Legenden des nördlichen Eurasien, in denen über Ehefrauen von Schamanen berichtet wird. Diese Frauen un­terstützen und beschützen ihren Mann, indem sie mit der Hilfe freundlich gesonnener Geister für ihre Männer kämpfen und diesen bei ihrer Reise in die Anderwelt behilflich sind. Eine weitere Verbindung besteht zu den Seherinnen, die Kindern ihr zukünftiges Schicksal voraussagen und auch selbst verändernd in dieses Schicksal eingreifen, womit wir einerseits wieder bei den Nornen und der Spinnerei, andererseits bei den Schutz­geistern und auf jeden Fall bei den Feen sind. Und gibt es nicht auch bei uns viele Erzählungen von Feen, die einen menschlichen Gatten nahmen und diesen dann schützten – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem er irgendein gegebenes Versprechen brach.
 
Wie alle Wesen der Anderwelt, hatten auch die Disen eine helle und eine dunkle Seite. Sie lebten eng in Harmonie mit der Natur, in der Nähe besonderer Bäumen, Felsen und Seen und genau wie die Natur konnten sie wohltätig oder grausam sein. Der duale Aspekt, der sie sowohl in schreckeneinjagenden als auch in anziehender Form erscheinen lässt, ist bezeichnend für sie. Mal wählen sie eine wahrhaft monströse Gestalt, um einem Menschen zu erscheinen, mal treten sie als die verführerischste Frau auf, die man sich denken kann (wenn der Erwählte ein Mann ist). Auch diesen Charakterzug gaben sie an die Feen weiter.
Die verschiedenen Rollen werden besonders verwirrend, wenn man bedenkt, dass die Disen nicht nur ihren Helden oder eine Familie beschützten, sondern sie auch beim Tod empfangen und in die Anderwelt geleiten. Das erinnert natürlich an die Walküren. Später aber übernahmen diesen Dienst die Todesfeen, wie z.B. die irische Banshee. Auch die dritte Erscheinung der Morrigan, der dreigesichtigen Feenkönigin, die Krieg und Schlacht so liebt, entspricht diesem Aspekt. Es ist Morrigans Erscheinung als Nemain, die Trauernde. Sie singt den Klagegesang für die gefallenen Krieger und nimmt deren Seelen dann bei der Hand, um sie in ihre endgültige Heimstatt zu geleiten.
Es finden sich noch eine Menge weiterer Parallelen. So gibt es eine Ballade über eine Dise mit Namen Fylgjukona die ein besonderes Schwert als Geschenk für den Helden, den sie schützt, mitbringt – ähnlich der Fee Viviane, der Herrin vom See, die König Artus das berühmte Schwert Exkalibur übergab.
Auch ihre Launenhaftigkeit haben die Feen von den Disen geerbt. So gibt es Legenden, in denen die Disen einen edlen und bedeutenden Führer, etwa einen Prinzen, beschützen und ihm Schlachtenglück garantieren. Und dann wenden sie sich plötzlich dem Feind zu oder verfluchen ihren Schützling sogar, weil sie sich nicht angemessen geehrt oder aber durch irgendetwas beleidigt fühlten. Auch Feen – und eigentlich auch alle anderen Anderweltler – nehmen es mit dem Res­pekt, den man ihnen zu zollen hat, sehr genau. Ihre häufigste Rache ist es, dass sie den Glückssegen vom Haus nehmen. Nichts und niemand kann sie jemals wieder versöhnen.
Die Disen gibt es also eigentlich auch heute noch. Sie haben sich nur weiterentwickelt und ‚spezialisiert‘.

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