Dienstag, 14. Oktober 2014

Rübezahl

Rübezahl – natürlich! das ist doch der Riese -  aber wird er in den Legenden nicht oft auch ein Gnom genannt? Das spricht ja nun nicht unbedingt für eine nennenswerte Größe. Konnte der nicht seine Gestalt wandeln? Woher wußte man denn dann, daß er ein Riese ist?

Wußte man gar nicht. Rübezahl lebt auf den Sudeten im Riesengebirge. Wahrscheinlich kommt daher die Ansicht, der Berggeist wäre ein Riese, weil man glaubt, das Riesengebirge hätte seinen Namen von ihm. Dabei hat es sich mit seinen schroffen Bergen diese Bezeichnung ganz allein verdient. Aber es war Rübezahl, der das Riesengebirge berühmt gemacht hat. Deshalb wurde er sogar auf einer Briefmarke verewigt. Dieser Fürst unter den Erd- und Berggeistern besitzt auf der Oberfläche der Erde nur ein kleines Gebiet, von einer Bergkette umschlossen. Aber unter der Erdrinde erstreckt sich seine Herrschaft auf 860 Meilen in die Tiefe, bis zum Mittelpunkt der Erde. Zumindest heißt es so in der Legende. Daraus kann man also schließen, daß eine Rübezahlmeile etwa 7,42 km lang ist. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls ist es ein ganz schön großes Reich.

Fürst Rübezahl ist geartet wie die Natur selbst: kalt, grausam, sonderbar, freundlich und segensreich. Er ist launisch, ungestüm, bengelhaft, roh, unbescheiden, stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutmütig, edel und empfindsam; aber mit sich selbst in stetem Widerspruch, albern und weise, schalkhaft und bieder, störrisch und nachgiebig.

Früher (wie es heute ist, weiß man nicht so genau) drückte sich Rübezahl gerne mal vor den Regierungsgeschäften und trieb zur Erholung seine Späße auf dem Riesengebirge. Es konnten recht üble Streiche sein, aber auch wohltätige Scherze. Mal tobte Rübezahl im wüsten Gebirge herum oder scheuchte mit wildem Getöse das Wild vor sich her. Dieser Jagden müde, zog er dann wieder seine Straße durch die Regionen der Unterwelt und weilte da Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich in die Sonne zu legen. So vergingen die Jahrhunderte wie im Flug für den unsterblichen Berggeist.
Als Rübezahl wieder einmal nach der Sonne verlangte, mußte er erstaunt feststellen, daß die Gegend ganz verändert war. Die düsteren undurchdringlichen Wälder waren ausgehauen und in fruchtbares Ackerland verwandelt. Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten die Dächer kleiner Häuser hervor; eine einsame Burg stand auf dem Abhang eines Berges zum Schutz des Landes.
Dieser Anblick ergötzte den Berggeist so sehr, daß er mit den Menschen Bekanntschaft machen wollte. Er nahm die Gestalt eines rüstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten besten Landwirt. Alles was er unternahm, gedieh wohl unter seiner Hand, und Rips, so nannte er sich, war bald als bester Arbeiter im Dorf bekannt. Aber sein Brotherr war ein übler Bursche, der ihm für seine Mühe und Arbeit wenig Dank wußte. Darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine Schafherde unterstellte. Die Herde gedieh gleichfalls unter der Hand von Rips. Kein Schaf stürzte vom Felsen herab und keins zerriß der Wolf. Aber der neue Arbeitgeber war ein Geizhals, der seinen Knecht nicht lohnte wie er sollte. Er stahl vielmehr den besten Widder aus der Herde und kürzte dafür den Hirtenlohn, nachdem er Rips beschuldigte, er hätte das Tier auf der Weide verloren. Rips verdingte sich deshalb bei einem Richter als Herrenknecht. Aber der Richter war ein ungerechter Mann, beugte das Recht, richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, sagte er dem Richter den Dienst auf und wurde in den Kerker geworfen. Von dort aber fand er auf dem gewöhnlichen Weg der Geister, durchs Schlüsselloch, leicht einen Ausweg.

Dieser Versuch, sich mit den Menschen anzufreunden, ging also gründlich schief. Rübezahl kehrte verdrossen auf seine Felsenzinne zurück, überschaute von da die lachenden Gefilde und wunderte sich, daß Mutter Natur ihren Segen solchem Pack gewährte.
Um ganz sicher zu gehen machte er noch einen Versuch. Er schlich unsichtbar hinab ins Tal und lauschte in Busch und Hecken. Da stand vor ihm plötzlich die Gestalt eines reizvollen Mädchens, lieblich anzuschauen, inmitten ihrer Gespielinnen. Es war Emma, die einzige Tochter eines schlesischen Fürsten. Rübezahl verliebte sich auf der Stelle in sie. Weil die Schöne jedoch nicht freiwillig die Seine werden wollte, raubte er sie und hielt sie in seinem unterirdischen Schloß gefangen. Damit sie sich nicht zu einsam fühlte, gestattete er ihr, aus Rüben menschliche Gefährten zu zaubern. Die schrumpelten aber über kurz oder lang alle ein – Rüben trocknen nun mal aus – und so konnte diese Lösung Emma auf Dauer nicht trösten. Sie sann also auf Flucht. Unter dem Vorwand, sich einen ganzen Hofstaat anlegen zu wollen und nicht zu wissen, ob genug Rüben vorhanden wären, schickte sie den verliebten Berggeist zum Rübenzählen. Kaum war er weg, floh sie auf einem schnellen Hengst, den sie aus der letzten Rübe zauberte, die sie noch hatte. Währenddessen zählte der Gnomenfürst – und peinlicherweise verzählte er sich auch immer wieder, so daß er die Flucht erst entdeckte, als es längst zu spät war.

Die Braut war also weg und der Berggeist bekam obendrein noch einen Spitznamen angehängt. Letzterer ärgerte ihn ganz besonders. Der Gnom verließ deshalb beleidigt die Oberwelt und nahm sich vor, nie wieder das Tageslicht zu schauen. Allein, als neunhundertneunundneunzig Jahre vergangen waren, wurde ihm doch wieder langweilig unter der Erde und er stieg erneut in unsere Welt empor. Und was mußte er als erstes vernehmen? Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge, und einer erzählte gerade von der Liebesgeschichte des Berggeistes mit Emma! Und die mündliche Überlieferung hatte noch so manches ausgeschmückt und dazu erfunden, so daß der arme Rübezahl wie ein rechter Tölper dastehen mußte. Wie der Sturmwind raste der Berggeist da durch den düsteren Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich arglos über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln. Doch dann hielt er inne. Es würde doch mehr Spaß machen, sein Spiel mit allen Menschen zu treiben, die durch sein Gebirge kamen. Da dürfte er sie aber nicht gleich durch einen Mord abschrecken. Womöglich kam dann keiner mehr.

Und so spielte Rübezahl oft den Plagegeist voller boshafter Schadenfreude. Oft gesellte er sich zu einem einsamen Wanderer als Geleitsmann, führte unbemerkt den Fremdling irre, ließ ihn an dem Absturz einer Bergzinne oder in einem Sumpfe stehen und verschwand mit höhnendem Gelächter. Zuweilen erschreckte er die wandernden Marktweiber durch abenteuerliche Gestalten wildfremder Tiere. Oder er lähmte Reitern das Pferd, daß es nicht von der Stelle konnte, zerbrach den Fuhrleuten ein Rad oder eine Achse am Wagen, ließ vor ihren Augen ein abgerissenes Felsenstück in einen Hohlweg hinabrollen, das sie mit unendlicher Mühe auf die Seite räumen mußten, um sich freie Bahn zu machen. Oft hielt eine unsichtbare Kraft einen ledigen Wagen, daß sechs rasche Pferde ihn nicht fortzuziehen vermochten, und ließ der Fuhrmann merken, daß er eine Neckerei von Rübezahl wähnte, oder brach er in Unwillen gegen den Berggeist aus, so hatte er ein Hornissenheer, das die Pferde wild machte, einen Steinhagel oder eine reichhaltige Tracht Prügel von unsichtbarer Hand zu erwarten. Bei all den üblen Streichen sei aber gesagt, daß Rübezahl einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte. Wer es mit seinen schlimmsten Possen zu tun bekam, hatte sie meistens auch verdient.

Es war aber auch möglich, Rübezahls Freundschaft zu gewinnen. Einem Bauern in Reichenberg ( das ist das heutige Liberec in Tschechien) hatte ein böser Nachbar sein Hab und Gut abgenommen, so daß ihm nichts blieb als sein Weib und ein halbes Dutzend Kinder. Und so sehr er sich auch abrackerte, er konnte doch nie genug verdienen, um sich und die Seinigen zu ernähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die Kinder um Brot bettelten, und er nichts hatte, um ihren quälenden Hunger zu stillen. Schließlich machte er sich schweren Herzens auf, einen reichen Vetter jenseits des Gebirges zu besuchen, um ihn um ein Darlehen über hundert Talern zu bitten.
Müde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zu Abendzeit in dem Dorfe an, wo der reiche Vetter wohnte. Aber der wollte ihn nicht kennen und schon gar nicht helfen. Ja, er verspottete den armen Mann auch noch. Traurig schlich der von dannen, und weil er nichts hatte, um eine Herberge zu bezahlen, mußte er auf einem Heuschober im Felde übernachten. An etwas zum Abendessen war natürlich auch nicht zu denken.
Als er am nächsten Tag wieder ins Gebirge kam, übermannte ihn die Verzweiflung. Ohne Trost, ohne Hoffnung aber dafür sehr hungrig und müde, setzte er sich schließlich unter einen Schlehenbusch und weinte. Da stand plötzlich ein rußiger Köhler mit einem fuchsroten Bart, der bis an den Gürtel reichte, und feurigen Augen vor ihm. Der fragte den verarmten Bauern nach seinem Kummer. Nach kurzem Zögern erzählt ihm dieser alles und da macht ihm der Köhler – es ist natürlich niemand anders als Rübezahl – einen Vorschlag: Er wollte dem Armen soviel leihen, wie dieser brauchte. Nach Ablauf von drei Jahren sollte es zurückgezahlt werden. Überglücklich nahm der Bauer das Angebot an, lieh sich hundert Taler und unterschrieb dafür einen Schuldschein.
Dieses Geld erwies sich als segensreich und bald ging es der Familie wieder gut. Als der Zahlungstermin heran kam, hatte der Bauer so viel erübrigt, daß er ohne Beschwerde seine Schuld abtragen konnte. Er legte das Geld zur Seite, und auf den bestimmten Tag war er früh auf, weckte seine Frau und alle seine Kinder und hieß sie ihre Sonntagskleider anziehen. Und dann zog er mit ihnen los, damit sie alle dem berggeist noch einmal Danke sagen konnten, während er seine Schuld beglich. Bald war die vereinbarte Stelle gefunden, aber von Rübezahl keine Spur. Der Bauer rief ein ums andere mal nach ihm, vergeblich. Rübezahl kam nicht zum Vorschein, und alles Rufen war umsonst.
Die Familie trat schließlich den Rückweg an, und der Bauer ging ganz betrübt und schwermütig auf der Landstraße vor sich hin. Da erhob sich vom Walde her ein sanftes Rauschen in den Bäumen. Unter dürrem Laub wurde ein Blatt Papier über den Weg geweht, auf welches die Kinder Jagd machten. Als sie es schließlich erhascht hatten, fand sich, daß es der Schuldbrief war, den der Bauer an den Berggeist ausgestellt hat, von oben eingerissen, wie es beim Ablösen von Schuldscheinen damals üblich war. Und unten stand geschrieben: Zu Dank bezahlt.

Es gibt noch viele Sagen über Rübezahl. In manchen ist er ein freundlicher Geist und Helfer in der Not, in anderen gebärdet er sich als wahrer Racheengel. Eines ist aber immer gleich: Den Spottnamen Rübezahl kann er nicht leiden. Gebt also acht, wenn ihr durchs Riesengebirge wandert, daß er euch nicht über die Lippen kommt – man kann ja nie wissen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen