Dienstag, 16. September 2014

Tarot – das Spiel mit der Zukunft

Über die Herkunft und Entstehung der Tarotkarten ist nichts Sicheres bekannt. Aber es ist zumindest sehr wahrscheinlich, daß es Spielkarten gewesen waren, die – ähnlich wie heutzutage die Skatkarten – irgendwann auch zum Wahrsagen genutzt wurden.
Für Spielkarten wiederum stammt der älteste Hinweis auf Kartenspiele aus China. Dort soll im 7. oder 8. Jahrhundert ein gewisser Yang Tanien gelebt haben, der vom Kartenspiel so begeistert war, daß seine Leidenschaft in einem Bericht er­wähnt wird. Der früheste Nachweis über die Existenz von Spielkarten in Europa stammt aus dem Jahre 1377 aus Florenz – aus einem Dokument, in welchem den Florentinern das Kartenspiel verboten wird. Solche Spiele mußten zu dieser Zeit also schon weit verbreitet und beliebt gewesen sein.
Lange Zeit wurde unter Tarot-Forschern das Jahr 1392 als das Entstehungsjahr des Tarot angenommen. Zwei Dinge waren für diese Annahme verantwortlich: Zum einen befinden sich in der Bibliothèque Nationale in Paris siebzehn illuminierte Spielkarten, die irgendwann zwischen dem Ende des 14. und dem Ende des 15. Jahrhunderts entstanden sind. Einige dieser Karten sind eindeutig Tarottrümpfe. Zum anderen ist ein Rechnungsbuch des Schatz­­meisters von Karl VI. erhalten, in dem eine Zahlung an einen Maler namens Jacquemin Gringonneur für ‚drei vergoldete und verzierte Kartenspiele’ verzeichnet ist. Der Eintrag stammt aus dem Jahr 1392. Nun nahmen Tarot-Forscher an, daß es sich bei den Karten in der Bibliothèque Nationale um eben diese Gringonneur-Karten handelt. Gringonneur wurde so für viele zum Erfinder des Tarot.
Diese Geschichte hat jedoch einen Haken. Die bloße Existenz einer Zahlung an Gringonneur für Spielkarten beweist lediglich, daß dieser im Jahre 1392 oder früher Spielkarten malte und sie dem Hof Karl VI. in Rechnung stellte, nicht aber, daß es sich bei den im Rechnungsbuch erwähnten Karten um dieselben handelt, die in der Bibliothèque Nationale aufbewahrt werden. Selbst wenn es aber dieselben sein sollten, würde das wiederum nur beweisen, daß man 1392 bereits Tarottrümpfe kannte, nicht aber, daß der Maler dieser Karten der erste überhaupt war, der Tarot­trümpfe gemalt hat.

Der erste, wirklich gesicherte Nachweis über die Existenz von Tarotkarten stammt aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, wiederum aus Italien. In den Jahren von 1420 bis 1450 bestellte der Herzog von Mailand, Filipo Maria Visconti (1391 - 1447) aus dem Sforza-Geschlecht mehrere Spielkarten, von denen noch 250 erhalten sind, die aus 15 verschiedenen Kartendecks stammen. Diese Karten werden heute als Visconti-Spiele bezeichnet. Der bekannteste ist der Visconti-Sforza-Tarot, der mit 74 noch erhaltenen Karten das bisher älteste bekannte Tarot ist.

Wie gesagt, Tarotkarten sind wahrscheinlich aus Spielkarten entstanden. Erhaltene Spielkarten aus dem Orient, wie das Mameluckenspiel, welches durch die Kreuzzüge auch in unsere Breiten gelangte, zeigen unterschiedliche Symbole für die vier Sätze, darunter auch die Stäbe, Kelche, Schwerter und Scheiben des Tarot. Bleibt aber immer noch die Frage nach dem Ursprung der 22 Großen Arkana. Die gängiste Theorie dazu ist heute, daß der Ursprung der Großen Arkana in den sogenannten ‚Triumpfen’ zu suchen ist. Dabei handelt es sich um Triumpfzüge, welche im mittelalterlichen Italien jedes Jahr im Frühling abgehalten wurden. Die ursprüngliche Bezeichnung der Großen Arkana war, wie wir heute gesichert wissen, ‚Trionfi’, woraus im Deutschen ‚Trümpfe’ wurde. Die Bezeichnung ‚Arkana’ wurde erst von Paul Christian (1811 - 1877) eingeführt.
Natürlich basiert die Annahme, daß der Ursprung der Großen Arkana in den mittelalterlichen Triumpfzügen zu suchen ist, nicht allein auf der gleichlautenden Bezeichnung für die Karten. Viel wichtiger und interessanter ist die Übereinstimmung der Darstellungen: Auf den Wagen, die einen solchen Triumpfzug bil­deten, wurden allegorische Szenen und Bilder durch die Straßen der Städte ge­fahren. Dargestellt wurden drei verschiedene Triumpffolgen, wobei jede Folge als stärker galt, als die vorangehende. Die erste Folge war der Triumpf der Liebe. Ihr folgte der Triumpf des Todes. Als letztes kam der Triumpf der Ewigkeit. Der gesamten Pro­zession voran fuhr ein Wagen mit der Darstellung eines Gauklers als Sinnbild für den Narrenkönig der antiken römischen Saturnalia. Am Ende der Prozession kam ein Wagen, der einen Narren zeigte, welcher als Sinnbild des Frühlings galt.

Und es gibt noch einen Hinweis auf die Übereinstimmung: In einem alten Manuskript aus dem 15. Jh., findet sich die Predigt eines Franziskanermönchs aus der italienischen Provinz Umbrien. Darin wendet sich der Mönch vehement gegen Glücksspiele, welche er die ‚Trümpfe’ nennt. Gegen dieses Spiel scheint er besonders eingenommen zu sein, da dort auch u.a. ‚der Kaiser, der Papst, der Teufel, Engel und sogar Gott selbst erscheinen’. Es ist recht eindeutig, daß dieselben Karten gemeint sind, die wir heute als die Großen Arkana des Tarot kennen.

Im ausgehenden Mittelalter gab es noch keine einheitliche Vorschrift in Bezug auf symbolische Darstellung und Reihenfolge der Karten gab. Zwar waren im Prinzip alle 22 Großen Arkana, so wie wir sie heute kennen, bereits vorhanden. Die Kartenbezeichnungen können allerdings von den heute üblichen abweichen und auch die Reihenfolge ist nicht immer mit der heutigen identisch.
Auch die Satzsymbole der Kleinen Arkana waren nicht immer Stäbe, Kelche, Schwerter und Scheiben. So soll es im 16. Jahrhundert ein Deck gegeben haben, welches Löwen, Pfaue, Papageien und Affen als Satzsymbole trägt.
Mit der Zeit hat sich dann aber wohl doch eine Art Standard herausgebildet, der erstmals in einem Deck aus Marseille erscheint. Dieser Marseiller Tarot soll um 1750 von Nicolas Conver gemalt worden sein. Es ist bis heute ein immer wieder aufgelegter Klassiker. Möglicherweise war es ein solches Deck, das Antoine Court, genannt Court de Gébelin im Jahre 1781 so faszinierte, daß er zu der Überzeugung kam, es müsse sich dabei um mehr, als nur um ein Kartenspiel handeln. Court de Gébelin war Freimaurer und gehörte einer Freimaurerloge an, zu deren Mitgliedern so berühmte Persönlichkeiten wie Voltaire und Benjamin Franklin zählten. Das Hauptziel dieser Loge war die Wiederentdeckung alter, geheimer Lehren und das Hauptaugenmerk lag dabei auf dem Alten Ägypten. Court de Gébelin war nun davon überzeugt, daß der Tarot eine solche Geheimlehre aus dem Alten Ägypten enthielt. Altägyptische Priester hätten demnach ihre Lehren in Bildern und Symbolen verschlüsselt, um sie zu erhalten und vor Uneingeweihten zu schützen. Im Laufe der Zeit ging aber der wahre Sinn dieser Bilder verloren und sie dienten ausschließlich zum Zwecke des Spiels. Alle anderen Kartenspiele sollen letztendlich aus diesem Spiel entstanden sein. Wie auch immer man zu Court de Gébelins Entdeckung stehen mag: Tatsache ist, das sie die Geburtsstunde dessen war, was wir heute als esoterischen Tarot bezeichnen.
Die Gründung des Hermetischen Ordens der Goldenen Morgenröte (Hermetic Order of the Golden Dawn) im Jahre 1888 etablierte den Tarot dann endgültig als Mittel zur Divination. Denn neben theoretischer und praktischer Magie und esoterischen Disziplinen, wie Astrologie und Kabbala war der Tarot einer der Hauptpfeiler des Ordens und spielte bei seinen Ritualen eine wesentliche Rolle. Drei Mitglieder dieses Ordens sollten die zukünftige Tarotwelt entscheidend beeinflussen: Arthur Edward Waite (1857 - 1942) und Pamela Colman Smith (1878 - 1951), sowie Aleister Crowley (1875 - 1947). Pamela Colman Smith malte unter Anleitung von Waite den nach ihm und seinem Verleger Rider benannten Rider-Waite-Tarot und Aleister Crowley ist der geistige Schöpfer des von Frieda Harris gemalten Thoth Tarot, der manchmal auch als Crowley-Tarot bezeichnet wird. Diese beiden Tarots sind wohl die weltweit bekanntesten.

Aber die einzig gültigen sind sie nicht. Es gibt inzwischen hunderte von verschiedenen Tarotdecks. Und es finden sich darunter mehr und mehr Tarotdecks, die nicht die traditionellen Satzsymbole zeigen, sondern bestimmten Themen angepaßt sind. Letztendlich kommt es aber doch nur darauf an, welches Deck dem jeweiligen Nutzer am besten liegt, welches also ‚zu ihm spricht’.
Und auch, wenn man mit dem Kartenlegen nichts anfangen kann, lohnt sich der Blick auf die verschiedenen Tarots, denn, wie hier auf diesen Seiten bereits zu sehen, nicht wenige dieser Decks sind regelrechte Kunstwerke.

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