Dienstag, 12. August 2014

Fantasy, Phantastik, High Fantasy – ja, was denn nun?

In der englischsprachigen Literatur ist alles so einfach. Da unterscheidet man einfach unter den Literatur-Genres Incredible, Fantastic und Mar­velous. Und damit ist alles abgedeckt.
Incredible
– Unglaublich – schließt dabei alle Geschichten ein, bei denen von Anfang an klar ist, dass sie nicht wahr sind. Märchen fallen darunter, Fabeln und Allegorien. Die Lügengeschichten von Münchhausen, in denen er etwa erzählt, wie er an einer Bohnenranke auf den Mond kletterte, sich und sein Pferd an seinem eigenen Zopf aus dem Sumpf zieht oder auf einer Kanonenkugel reitet, findet man ebenfalls hier.
Marvelous dagegen bezeichnet Ge­schich­ten mit übernatürlichen Elementen, die aber als tatsächlich existierend betrachtet werden. Damit ist dann zum Beispiel auch die klassische Fantasy gemeint.
 Fantastic dagegen liegt genau dazwischen. Der Leser – und eigentlich so gut wie immer auch der Hauptakteur – wissen nie so genau, ob das Erlebte nun real ist. Vielleicht ist es ja auch nur ein Traum, eine Wahnvorstellung oder eine geschickte Illusion. Im Idealfall bleiben die Zweifel auch über das Ende des Buches hinaus, etwa wenn der Held der Geschichte am Ende aufwacht und sich selbst sagt, er habe nur geträumt – doch dann bemerkt er einen Gegenstand in seiner Hand, wie er ihn im Traum erhalten hat.
“Die Handschrift von Saragossa”, ein überaus spannendes Buch, das Jan Graf Potocki Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb, ist so ein Beispiel. Es handelt sich dabei um eine Rahmenhandlung mit darin eingebetteten Geschichten nach dem Vorbild der Erzählungen aus Tausend­und­einer Nacht. Der jugendliche und naive Held, Alfonso van Worden, muss dabei die unwirtliche Sierra Morena im Hochland von Spanien durchqueren, gerät dabei in zahlreiche Abenteuer, insbesondere Gespenster- und Spukgeschichten, und begegnet zahlreichen obskuren und faszinierenden Personen, welche die einzelnen Abenteuer erzählen.
Allerdings handelt es sich dabei nicht wie üblich um eine schlichte lineare Abfolge. Die Geschichten sind vielmehr mehrfach ineinander verschachtelt. Der Faden der Realität geht dadurch umso schneller verloren. Am Ende des Buches wird alles scheinbar aufgelöst. Doch die Erklärung klingt so unwahrscheinlich, dass man sich skeptisch fragt, ob das nicht alles nur erfunden wurde, um Alfonso zu beruhigen.
Aber zurück zur englischen Genreeinteilung. Die Einordnung hier ist also übersichtlich und eigentlich ganz klar. Leider kann man das im Deutschen nicht so sagen. Genaugenommen gibt es bis heute hier keine Einigkeit in den vielzitierten einschlägigen Fachkreisen.
Für gewöhnlich bezeichnet der Begriff „fantastisch“ alles, was abgehoben, unrealistisch, unglaublich, versponnen oder wunderbar ist. Phantastik wäre damit sozusagen ein Überbegriff, unter dem vom Märchen über die Fantasy bis zur Science Fiction alles zu verstehen ist.
Klingt wunderbar einfach und klar.
Gleichzeitig aber zählt man Erzählungen zur Phantastik, die sozusagen in unserer realen Welt starten – und dann bricht etwas Übernatürliches herein. Da fällt dann eine Alienentführung genauso darunter, wie ein Elf, dem man im eigenen Garten findet oder ein Tor, dass den Helden in die Anderwelt führt. Letzteres ist dann auch noch Fantasy.
Spielt die Geschichte von vornherein in einer fiktiven Welt, ist das demnach keine Phantastik mehr. Es ist aber sehr wohl noch Fantasy, wenn auch eine ganz besondere Art davon. Ein Überfantasy sozusagen oder wie es meist genannt wird: High Fantasy.
Verwirrend? Schon. Und da wir mit dieser Meinung nicht alleine da stehen, wird nun immer öfter erklärt, dass Phantastik nur dann vorliegt, wenn die Handlung in der Realität spielt und dann kommt ein Zauberer um die Ecke oder ein Einhorn galoppiert vorbei...
Dann haben wir allerdings das Pro­blem, das ‘normale’ Fantasy und High Fantasy dasselbe zu sein schei­nen. Da das aber dann doch nicht geht, wird Fantasy einfach zum neuen Überbegriff, aufgeteilt in High und Low Fantasy. Wobei ‘high’ und ‘low’ keinerlei Aussagen über die jeweilige Qualität der Bücher darstellen. In beiden Gattungen gibt es verdammt gute ebenso wie grottenschlechte.
Die High Fantasy spielt in einer eigenständigen Welt, mehr oder weniger komplett fiktiv – mythologische Aspekte spielen dabei gerne mit hinein, etwa irdische Sagen und Le­genden. Magie ist ein ebenso zentraler Bestandteil der Welt wie fremdartige Wesen, Völker und Monster. Und dann muss diese Welt auch gleich noch gerettet werden und zwar durch einen einzelnen Helden oder eine Heldengruppe. Dabei spielt eine Queste eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Das Standardbeispiel dafür ist na­türlich “Der Herr der Ringe”. Hier findet sich nicht nur eine ganz eigene Welt, sondern auch gleich noch eine eigene Sprache, die verschiedensten Völker, eine eigene Mythologie und gute wie böse Zauberer. Und die Queste Frodos, nämlich, dass er den einen Ring zerstören muss, womit er dann die Welt vor dem Bösen rettet, ist der Hauptgegenstand des dreibändigen Buches.
Und dann ist da noch die Low Fantasy. Da kommt praktisch alles rein, was nicht in das Schema der High Fantasy passt Humorvolle Fan­tasy etwa, wie zum Beispiel bei Terry Pratchett. Sein Zauberer Rincewind ist gleich mehrere Bücher lang auf der Flucht. Das geschieht in einer komplett fiktiven Welt, der Scheibenwelt nämlich. Aber Rincewind ist nicht auf einer Queste und die Welt retten will er auch nicht. Muss er auch nicht, denn sie ist nicht in Gefahr. Der untalentierte Zauberer ist eigentlich nur unterwegs, weil er vor irgendetwas flieht, wobei dieses Etwas öfter wechselt. Meistens aber läuft er vor dem Tod davon. Als Held kann man Rincewind beim besten Willen nicht bezeichnen.
Low Fantasy
, das sieht man an die­sem Beispiel gut, verzichtet meist auf eine weltumfassende Hand­lung. Nicht die Weltrettung steht im Vordergrund, sondern das per­sön­liche Schicksal der Hauptfiguren.
Soweit alles klar? Wirklich? Gut, dann lasst uns doch noch Begriffe wie Dark Fantasy oder Splatter Fantasy einflechten. Und wie wäre es mit Mystic Fantasy, Histo­ri­scher Fantasy, Mystery oder Horror?
Wahrscheinlich fragt ihr euch jetzt, warum ich diesen Artikel überhaupt geschrieben habe, wenn er doch eher noch mehr verwirrt, als erhellt. Tja, ursprünglich hatte ich tatsächlich vor, die oft gestellte Frage “Wo ist der Unterschied zwischen Phantastik und Fantasy” ein für allemal klar und einfach zu beantworten. Doch je länger ich recherchierte, desto mehr kam ich zu der Erkenntnis, dass dieses Genre einfach in keine Schublade passt Es lässt sich nicht etikettieren und einsortieren und schlüpft einem immer wieder durch die Finger.
Eigentlich ist das doch ganz großartig. Denn es bedeutet, dass die Genre Phantastik und/oder Fantasy genauso vielseitig und originell sind wie die Leute, die sie lesen.

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