Dienstag, 29. Juli 2014

Ein Zaubergarten in Portugal... Quinta da Regaleira

Die alte Nobelstadt Sintra liegt auf einem kleinen Vorsprung nordöstlich von Lissabon. Dort gibt es sehenswerte Villen und Gärten en masse. Und die üppig bewaldete Halbinsel ist seit prähistorischen Zeiten ein Ort mit transzendentaler Ausstrahlung, wie viele Menhire, Grotten, Hünengräber und bis heute herumgeisternde Sagen beweisen.
In dieser mythengeschwängerten Landschaft beschloß Ende des 19.Jahrhunderts ein Mann mit Sinn für das Phantastische, sich ein Lustschlößchen mit Parkanlage zu bauen - Quinta da Regaleira. Dieser Mann war Antonio Augusto Carvalho Monteiro und er kaufte den Grundbesitz dafür 1893. Er war Erbe eines kolossalen Vermögens und besaß zudem das Handelsmonopol für Kaffee und Edelsteine aus Brasilien. Im Volksmund hieß er schlicht "Monteiro dos Milhões". der Geldsack-Monteiro, was aber durchaus respektvoll gemeint war.
Er war nicht nur sagenhaft reich, sondern auch überaus feinsinnig, sammelte Muscheln und Bücher, Schmetterlinge und Antiquitäten, Orchideen und Opern-Memorabilien – und er liebte die Anderwelt.
Die Verwirklichung seines Traums von einem eigenen Stück davon ließ jedoch ganze 17 Jahre auf sich warten. Solange nämlich, bis er einen seelenverwandten Baumeister fand. Der hieß Luigi Manini, war Italiener, hatte Malerei und Architektur studiert und seinen Ruf vor allem als Bühnenbildner der Mailänder Scala erworben. Beste Voraussetzungen also, um ein verwunschenes Stück Paradies zu schaffen. Etwa um 1900 begannen die beiden Männer, ihr Vorhaben Wirklichkeit werden zu lassen. Und Sintra schien nicht nur wegen seiner Landschaft bestens dafür geeignet. Bereits ein halbes Jahrhundert zuvor hatte Fernando II. von Portugal, geborener Ferdinand von Sachsen-Coburg-Gotha und Cousin des Märchenschloss-Erbauers Ludwig II. von Bayern (es lag also in der Familie), sich einen fabelhaften Palast mit Park auf dem Hügel bauen lassen.
Park und Schloß der Quinta da Regaleira sollten die Anlage des Königs in Sachen Phantastik noch übertreffen. Für die Realisierung des Gesamtkunstwerks gab Monteiro seinem Baumeister Carte Blanche und unbegrenzte Mittel. Über die Baurichtung waren sich Monteiro und Manini schnell einig: Eklektizismus in Reinkultur. Eklektizismus wird von Puristen gern als überflüssiger Stil-Mischmasch geschmäht. Nicht immer zu Recht. In Bauten der Quinta da Regaleira z.B. wird nicht wahllos zitiert, sondern das nachgeahmt, was für den Bauherrn eine tiefere Bedeutung hat. Im Falle Monteiros war es vor allem die Sehnsucht nach verwunschenen Welten und alten Zeiten. Wie dafür geschaffen war für ein derartiges Vorhaben der sogenannte manuelinische Stil. Er hat seinen Namen von Manuel I., der 1491 – 1521 in Portugal herrschte, also in der Zeit nach den Eroberungen in Übersee. Die Seefahrt mit ihren Symbolen und die in den entdeckten Ländern vorgefundenen Stile – allen voran der indische - war deshalb auch ein wesentlicher Bestandteil dieses völlig eigenständigen spätgotischen Stils mit seinen gewundenen Pfeilern und Inkrustationen.

Antonio Augusto Carvalho Monteiro hatte viel über die Ideen der Freimaurer, der Rosenkreuzer und des Templer-Ordens gelesen. Dazu kam sein Interesse für den Pantheismus und seine Liebe zu römischen und altägyptischen Mythologien. Und natürlich kannte er die Sagen und Legenden, die in seiner Heimat und vor allem in der Landschaft um Sintra noch sehr lebendig waren. All dies floß in seinen Plänen für die Quinta da Regaleiro zu einem höchst eigenwilligen Ganzen zusammen.
Während der Palast und die Kapelle trotz Fassaden mit Erkerchen, Türmchen, Balkönchen im Inneren zwar verschwenderisch, aber völlig funktional ausgestattet sind, verhält es sich mit den Bauten im Park anders. Der Bühnenbildner Manini wußte eine großartige Kulisse zu schätzen, auch wenn sie ausnahmsweise nicht von ihm, sondern von der Natur stammte. Er hat das paradiesische Grundstück nur behutsam modelliert, den natürlichen Wasserreichtum für dösende Weiher und funkelnde Katarakte genutzt, hat unterirdische Seen und ein Aquarium angelegt und moosige Grotten und schummrige Höhlen ausgebaut, bewohnt von steinernen Wesen aus dem Reich der Phantasie – und möglicherweise sogar von ihren lebenden Vorbildern, wer weiß? Der Volksmund ist jedenfalls fest davon überzeugt - und wenn man erst einmal ein Weilchen in diesem Reich spazieren gegangen  ist, findet man das überhaupt nicht mehr abwegig.

Ihren grandiosesten Einfall haben Monteiro und Manini unter einem künstlichen Hünengrab versteckt. Der Druck auf ein unsichtbares Scharnier gibt das Tor zum Mittelpunkt der Erde frei. In neun Spiralen wendelt sich die Treppe abwärts, seitliche Labyrinthe locken auf Abwege. Wehe dem, der sich hier verirrt.
Nach Monteiros Tod im Jahr 1920 blieb Quinta da Regaleira erst in Familienbesitz und wurde dann zweimal verkauft; zuletzt an einen japanischen Konzern, der dies portugiesische Neuschwanstein als Kapitalanlage betrachtete und keine Besucher einließ. Das mißfiel den Bürgern Sintras. 1995 konnten sie erreichen, daß die Unesco die Quinta da Regaleira als Weltkulturerbe klassifizierte, und die Stadt Sintra 1997 ihr Vorkaufsrecht auf die bizarre Perle ausüben konnte. Seither kann jeder das Grundstück besuchen und im Schatten der Bäume von Elfen träumen oder nach Kobolden suchen.

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