Dienstag, 24. Juni 2014

Drachen

Bei keinem anderen Fabelwesen ist jemals so viel spekuliert worden, woher es seine Form hat, wie beim Drachen. Seine Ähnlichkeit mit einzelnen Dinosauriern führte zu den abenteuerlichsten Hypothesen. Von einer im Unterbewusstsein des Menschen verankerten Urangst ist da die Rede, wobei völlig außer Acht gelassen wird, dass zwi­schen dem letzten Saurier und dem ersten Menschen die Kleinigkeit von mindestens einer Million Jahre liegt. Auch die These, in irgendeiner Nische hätten Saurier noch viel länger überlebt, wird vertreten. Dass es dafür keinerlei Beweise gibt, wird als nebensächlich abgetan. 

Dieser Drache kann einem richtig leid tun...
So faszinierend das alles auch ist – wozu soll es gut sein? Schließlich fragt sich ja auch niemand, warum z.B. ein Basilisk so aussieht, wie er es tut. Die zahlreichen Theorien über den Drachen entstanden wohl, weil er jetzt einem Dinosaurier ähnlich sieht. Dabei hat sich, wie bei so vielem, sein Äuße­res nach und nach geändert. Man könnte sagen, auch ein Drache ist dem Geschmack der Mode unterworfen. Kunst­wer­ke, die den Drachen in der einen oder anderen Form dar­stellen, sind bereits sehr früh nachweisbar, nämlich im 4. Jahrtausend v. Chr. Es sind Wesen mit einem Schlangen­leib und einem Krokodilkopf. Aber auch Versionen mit Menschenkopf kamen vor oder sol­che mit mehreren Köpfen, wie die Hydra, die Herkules in der griechischen Antike bekämpfen musste.
Eidechsenähnliche Varianten mit vier Beinen gab es ebenfalls.

Seine häutigen Flügel erhielt der Drache aber erst im Christentum. Der Grund dafür ist ein­fach: Der Drache steht als Sinnbild des Teufels, des Bösen schlechthin. Der Teufel wiederum, Luzifer, war früher ein Engel. Und Engel haben Flügel - aus Federn. Als Luzifer stürzte, konn­te er natürlich un­mög­lich seine schönen weißen Schwingen behalten. Man griff also auf die Flügel der einzigen Wesen zurück, die fliegen konnten, aber keine Vögel waren: Fledermäuse. Sie waren den Menschen von jeher unheimlich mit ihrer Flugsicherheit in tiefster Dunkelheit. Von Radar wusste man schließlich noch nichts. Schnell wurden sie den Vampiren zugeordnet und als Blutsauger verschrien. Ihre Flügel passten also ganz ausgezeichnet für so ein verworfenes Subjekt wie den Teufel. Und vom Teufel bekam sie wiederum der Drache. 

Drachen gelten als Schatzhüter, als die Räuber zarter Jungfrauen, aber auch als weise Ratgeber. Im Mittelalter gehörte es praktisch zum guten Ton, dass ein legendärer Ritter neben anderer Heldentaten auch einen Dra­chen tötete. Aber Drachen sind keineswegs nur in unseren Breitengraden beheimatet. Man findet sie auf der ganzen Welt in vielfältiger Form.

Der europäische Drache

Herkules, der Held der griechischen Antike schlechthin, hatte gleich zwei­mal mit Drachen zu tun. Da war die Hydra, das neunköpfige Untier, das in den Sümpfen von Lerna hauste und die Gegend mit seinem giftigen Atem verpestete. Es gab bekanntermaßen zwölf Arbeiten des Herkules, die der Halbgott – sein Vater war Zeus persönlich – für König Eurystheus vollbringen musste.  Eine dieser berühmten Aufgaben war es, die Hydra zu töten. Das war leichter gesagt, als getan, denn für jeden Kopf, den man diesem Drachen abschlug, wuchsen zwei neue nach. Erst als Herkules' Neffe Iolaos jeden Halsstumpf gleich nach dem Abschlagen mit einer Fackel ausbrannte, wuchs nichts mehr nach und Herkules konnte die Hydra besiegen. Dies zeigt uns, dass selbst der größte Held hin und wieder Hilfe braucht. Aber das nur nebenbei, denn die Geschichte geht noch weiter: Herkules taucht seine Pfeile in das Blut der Hydra, welches ein tödliches Gift war. Das giftige Drachenblut war also bereits damals schon ein Begriff.
Die zweite Begegnung des Herkules mit einem Drachen fand im Garten der Hesperiden statt - oder besser gesagt, sie fand nicht statt. Eine wei­tere der zwölf Arbeiten war es nämlich, die goldenen Äpfel, die in eben diesem Garten wuchsen, zu stehlen. Diese Äpfel aber bewachte der Drache Ladon, ein antiker Schatzhüter also. Nun ging Herkules aber nicht selbst, sondern schickte Atlas, der den Drachen einschläferte und die Äpfel an sich nahm. Atlas wiederum war eigentlich dazu bestimmt, den Himmel auf seinen Schultern zu tragen, damit er nicht auf die Erde fallen konnte und Herkules übernahm diese Aufgabe für ihn, während er die Äpfel holen ging. 

Beide Geschichten zusammen ergeben schon mal das klassische Bild des Drachen: Er ist böse, mit giftigem Atem und Blut und bewacht gerne Schätze. Den giftigen Atem gab der Drache schon bald an den Lindwurm ab. Er selbst spuckte lieber Feuer, eine weitere Anspielung auf seine freundschaftliche Bezie­hung zum Teufel. Dabei gelten die roten Drachen als die schlimmsten, wie es schon in der Offenbarung des Johan­nes heißt: "Und es erschien ein anderes Zeichen im Him­mel, und siehe, ein großer roter Drache, der hatte sie­ben Häupter und zehn Hörner und auf seinem Haupt sieben Kronen; und sein Schwanz zog den dritten Teil der Sterne hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor das Weib, das gebären sollte, auf dass, wenn sie geboren hätte, er ihr Kind fräße."

In diesem Zusammenhang ist natürlich auch der Kampf des Erz­engels Michael mit dem Drachen zu verstehen. Er sym­bolisiert den Sturz des Teufels vom Himmel auf die Erde.
Sein weltlicher Vertreter war der Hei­lige Georg. Der zog durch Libyen und traf dort auf die Königstochter Cleolinda, die dazu bestimmt war, einem vor der Stadt hausenden Drachen zum Fraß vorgeworfen zu werden. Natürlich überwindet Georg den Drachen, tötet ihn aber erst, nach­dem die ganze Stadt sich hatte taufen lassen. 

Aufgrund seines symbolischen Charakters eignete sich der Drache aber auch gut für die Alchemie. Die mittelalterlichen Alchemisten waren sehr auf Geheimhaltung bedacht, damit nicht etwa ein Uneingeweihter die Möglichkeit bekam, unedle Metalle in Gold zu verwandeln. Dass die eingeweihten das auch nicht schafften, lassen wir mal außer Acht. Jedenfalls wurde im Spätmittelalter (vom 14. bis ins 16. Jahrhundert) eine komplizierte Geheimsprache ent­wickelt. Darin schrie­ben sie verschiedenen Typen von Drachen unterschiedliche Eigen­schaf­ten zu. Der geflügelte Drache stand zum Beispiel für ein flüchtiges, gasförmiges – der flügellose Drache für ein festes Element.

Der chinesische Drache

Der Drache ist in China das Glückssymbol schlechthin. im I King, einem Buch, das über viele Jahrhunderte hinweg vom 2. bis ins 1 Jahrhundert v. Chr. zusammengestellt wur­de, wird er mit Regen, Wolken und dem Himmel allgemein gleichgesetzt. Wie die Schlangen überwintern auch die Drachen. Sie ruhen in Gewässern. Im Sommer, wenn die Regenfälle einset­zen, erheben sie sich in den Himmel. Ihre be­son­deren, wohl­tätigen Eigen­schaften füh­ren dazu, dass sie symbolisch mit dem Kaiser selbst assoziiert wer­den. So man­cher Kaiser führ­te sogar seine Abstammung selbst auf einen Drachen zurück, da diese Tie­re sich auch mit Menschen paarten. Sie können das kör­perlich in Gestalt eines Man­nes, oder auch geistig im Traum. Auch viele mystische Tiere Chi­nas gelten als vom Drachen gezeugt. Natürlich kann es auch geschehen, dass zwei Drachen am Himmel käm­pfen, was verheerende Stür­me zur Folge hat. In der Re­gel ist es aber ein glück­liches Zeichen, wenn man einen Drachen am Himmel sieht.

Der japanische Drache

Die japanischen Drachen haben viel Ähnlichkeit mit dem chinesischen. Auch sie können Regen oder Schnee bringen, wenn man darum betet. Daneben aber haben die Drachen in Japan auch ein paar Eigenheiten. So können sie die sogenannten Drachenlaternen erscheinen lassen. Es sind flüchtige, phosphoreszierende Lichterscheinungen, ähn­lich unseren Irrlichtern. Sie steigen aus Seen in die Berge, wo sie sich in Kiefernbäumen in der Nähe von Tempeln niederlassen. Man sieht sie als Geschenke der Drachen an die Götter an. 

Und dann ist es da noch etwas: Die Dracheneier. Es heißt, sie lägen tausend Jahre schlafend im Meer, tausend Jahre im Gebirge und tausend Jahre in Form eines wundervoll gefärbten Steins. Menschen nähmen ihn wegen seiner Schönheit gern mit nach Hause – und weil er beständig Feuchtigkeit absondere. Letzteres macht ihn nämlich zu einem hervorragenden Tuschstein. Wenn die dreitausend Jahre aber um sind, bricht der junge Drache den Stein auf und kriecht heraus. Dann beginnt er in rasender Schnelligkeit zu wachsen, bis er schließlich durch das Dach bricht und unter Donner und Blitz gen Himmel fliegt. Vielleicht soll­te man besonders schöne Steine in Japan also doch besser liegen lassen. Denn wer weiß schon, wann die dreitausend Jahre jeweils rum sind?

Der arabische Drache

In der arabischen Welt war der Drache eng mit Astronomie und Astrologie verbunden. Diese beiden wurden als eng miteinander verwandte Wissenschaften angesehen. Der Drache tritt hier aber nicht nur in seinem gleichnamigen Sternbild auf, sondern auch als Jawzahr, der für die Kometen verantwortlich gemacht wird und für die Sonnen- und Mondfinsternisse. Es heißt, er verschlinge von Zeit zu Zeit Sonne und Mond. Auch ein Drache muss ja von irgendetwas leben.

Daneben gibt es den Drachen aber auch als Erdbewohner, den es zu bekämpfen gilt, da er abgrundtief böse ist. Das ‚Buch der Könige', Schahnameh, das um 1010 von dem Dichter Firdausi zusammengestellt wurde, quillt gerade über von Geschichten, in denen Helden Drachen bekämpften. Der legendäre König Rostam, der tapferste, langlebigste und gefeiertste Held Persiens kämpft hier gegen unzählige Hexen, Dämonen und verschiedene Untiere. Ein erfolgreicher Kampf gegen einen Drachen gehört natürlich auch dazu.

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