Montag, 29. Mai 2017

Morrigan, die Elfenkönigin



Morrigan, die Elfenkönigin, liebte Cuchulainn. Der war der größte und bedeutendste keltische Krieger, den es überhaupt gab. Zahlreiche Lieder haben ihn besungen und etliche Legenden berichten auch heute noch von seinen Heldentaten. Schließlich beschloß die Königin, ihm ihre Liebe zu gestehen. Sie fand ihn nahe Ulster in Irland, wo er gerade allein gegen etliche Alben, unangenehme und ziemlich bissige Zwerge, kämpfte.
Aber Morrigan war zu ungeduldig, den Kampf abzuwarten und schrie Cuchulainn ihre Liebeserklärung zu. Der war jedoch viel zu beschäftigt, um ihr zuzuhören und schickte sie einfach wieder weg, ohne den Kampf zu unterbrechen – wäre auch gar nicht gegangen, die Alben hätten ihn massakriert.
Morrigan jedoch fasste das als Zurückweisung ihrer Liebe auf. Sie stand wie vom Donner gerührt. Cuchulainn hatte ihr einen Korb gegeben! So eine Schande. Gut, eigentlich hatte er sie bloß nicht gehört, aber das machte im Grunde keinen Unterschied. Sie, die große Elfenkönigin, hatte sich ihrer eigenen Meinung nach blamiert.
Dabei hatte Morrigan im Grunde genommen noch Glück gehabt. Cuchulainn hatte ihr immerhin noch geantwortet und nicht blind auf sie eingedroschen. Im Kampf geriet er nämlich oft in regelrechte Raserei und mähte dann alles nieder, was in seine Reichweite kam. Mit anderen Worten, wenn kein Feind mehr übrig war, ging er eben auf die Freunde los. Es gab nur ein Mittel, ihn zu besänftigen: Ein Dutzend nackter Frauen – natürlich von ausgesuchter Schönheit - mußte ihn umtanzen und dabei in drei Fässer mit kaltem, sehr kaltem Wasser tauchen. Das erste Faß zersprang dann immer, wenn sein heißer Körper das Wasser berührte, das Wasser des zweiten begann zu kochen. Im dritten Faß wurde das Wasser dann nur noch heiß. Danach hatte Cuchulainn seinen Blutrausch wieder unter Kontrolle.
So oder so – Morrigan war jedenfalls tief gekränkt und zog sich weinend zurück. In ihrer Einsamkeit steigerte sie sich dann immer mehr in ihren verletzten Stolz und so wurde eine unbändige Wut daraus. Sie versuchte, Cuchulainn zu töten, hatte damit aber keinen Erfolg. Ihre Verbitterung darüber wandelte sich schließlich in Kriegslust und fortan freute sie sich bevorzugt am Anblick entseelter Krieger. Wahrscheinlich stellte sie sich bei jeder Leiche vor, es wäre Cuchulainn.
Dabei trat sie gleich in drei Rollen auf und hatte in jeder ein völlig eigenständiges Erscheinungsbild und einen eigenen Namen – Morrigan wurde die dreigestaltige Göttin, die Göttin mit den drei Gesichtern: Badb, Macha und Nemainn.
Im Morgennebel vor der Schlacht erscheint Morrigan als Badb, die Unglücksbotin und Todesfee. Sie wäscht im Fluß die Kleider derjenigen Krieger, die das bevorstehende Gefecht nicht überleben werden. So treten sie dann wenigstens ihre Reise ins Jenseits in sauberer Kleidung an. Während sie sich an den Kleidern zu schaffen macht, singt sie ein unendlich trauriges Lied. Nun soll es ja Krieger geben, die Badb entdecken, wie sie ihre eigenen Kleider – also die der Krieger, nicht die von Badb – wäscht. Und unter diesen Männern gibt es dann wieder welche, die über die Entdeckung, daß sie sterben sollen, gar nicht glücklich sind und lieber flüchten wollen. Denen fliegt sie dann kreischend nach und gibt keine Ruhe, bis die Feiglinge doch lieber dem Schlachtfeld zuwenden, nur um diese schreckliche Stimme nicht mehr zu hören.
Ist dann der Kampf in vollem Gange fliegt Morrigan als Macha, die Streiterin, in Gestalt eines Raben über das Schlachtfeld hinweg und stachelt die Krieger mit heiseren Rufen zu härterem Kampf auf. Oder sie trabt als Wölfin mitten durch das Kampfgewühl, aufmerksam um sich schauend, selbst aber unangreifbar.
Sie greift auch mal selbst in den Kampf ein. Das macht sie auf eine etwas morbide Weise, indem sie ein Regiment aus den gefallenen Kämpfern aufstellt und die leblosen Körper in das Schlachtgeschehen eingreifen läßt. Das verwirrt den Feind dann so sehr, daß er schließlich jeden niederhaut, auch wenn es der eigene Kamerad ist.
Nach der Schlacht sieht Morrigan in ihren Umhang aus Rabenfedern gehüllt zu, wie die Körper der Gefallenen vor ihr aufgehäuft werden. Dann ist wieder ein Weile Ruhe in ihrem wunden Herzen und sie ist zufrieden.
Sobald die Nacht hereingebrochen ist, kommt Morrigan in Gestalt von Nemainn, der Trauernden. Weinend und mit der rituellen Totenklage auf den Lippen geleitet sie die Geister der gefallenen Krieger ins Jenseits, zu ihrer nächsten Heimstatt.
Das keltische Jenseits ist nicht so besonders ausgestaltet. Ganz im Westen sollte eine Insel der Seligen sein, eine Art Paradies. Dagegen war ein der christlichen Hölle vergleichbarer Strafort unbekannt. Bei allen, die es nicht bis zur Insel der Seligen schafften, nahm man mit Selbstverständlichkeit an, daß sie wiedergeboren würden. Der Tod war für die keltischen Krieger also gar nicht so schlimm, vor allem nicht, wenn eine so schöne Frau wie Morrigan ihnen das Geleit gab.

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