Montag, 11. Juni 2018

Wehe, du postest das! Wenn Gemälde sprechen könnten von Stefano Guerrera

Bilder sprechen nicht. Wenn sie es doch täten - was würden sie dann sagen? Bei Guerrera brechen Gemälde ihr zum Teil hundertjähriges Schweigen und sagen Sachen wie: "Ich habe nichts zum Anziehen" (Davids "Verlassene Psyche", 1795) - "Kann ich auch mit Karte zahlen" (der Edelmann auf einem Gemälde eines Van-Eyck-Schülers, Mitte 15. Jdt.). Es gelingt eine spannende und witzige Sammlung, die von Paradoxen lebt: uns vertraute Sprüche in zeitgemäßer Sprache aus dem Mund von Figuren aus fernen Zeiten und Welten. So macht Kunst Spaß und gute Laune!

Dieses kleine quadratische Büchlein ist nichts, das man durchlesen kann. Dafür ist es auch gar nicht gedacht, denn eigentlich besteht es nur aus Bildern. Achtzig mehr oder weniger berühmte Bilder sind hier abgebildet. Für jedes gibt es zwei Seiten. Links ist das ganze Bild in klein zu sehen, mit Titel, Maler, Jahreszahl und dem Ort, wo man es im Original betrachten kann. Rechts ist dann noch einmal das Bild zu sehen, oft nur als Ausschnitt. Und da hat die abgebildete Version dann plötzlich eine Sprechblase mit einem kurzen Text, wie er der abgebildeten Person durch den Kopf gegangen sein könnte. Na ja, nicht wirklich durch den Kopf gegangen, denn hier ist oft von Facebook, Handys, Darkroom oder Pool-Partys die Rede. Dinge, die es in der Zeit, in der das Bild entstand, noch gar nicht gegeben hat. Trotzdem – die Kommentare passen wie die Faust aufs Auge. Plötzlich sieht man die Bilder ganz anders. Da ist nicht mehr das Kunstwerk und die meisterliche Darstellung wichtig, sondern die Person, die abgebildet wurde. Sie wird lebendig und erscheint als ein Mensch, wie du und ich.

Ich glaube, ich werde nie wieder eine Ausstellung oder ein Museum besuchen und die Gemälde betrachten wie bisher. In Zukunft werde ich mich immer fragen, was die Person da auf dem Bild wohl gerade gedacht hat. Was mir dazu einfallen wird, wird wohl nicht so witzig sein, wie die Beispiele in diesem Büchlein, aber es wird auf jeden Fall Spaß machen.
So nebenbei wurde ich auch auf das eine oder andere Bild aufmerksam, das ich noch gar nicht kannte. Bei „Preussisches Liebesglück“ von Emil Doerstling hab ich allerdings einen Schreck gekriegt. Es ist aus dem Jahr 1890 und zeigt – Angela Merkel. Wirklich. Passend dazu natürlich der Spruch: „Wir schaffen das!“ Oje.

Aber egal. Das Blättern in diesem Buch begeistert mich immer wieder und macht immer wieder Spaß.