Montag, 23. Oktober 2017

Das Glück des Zauberers von Sten Nadolny

»Allem Zauber wohnt ein Anfang inne«: So formulierte es sein Berliner Lehrmeister Schlosseck gern - und die Anfänge des Zauberers Pahroc reichen zurück in die Jahre vor dem ersten Weltkrieg. Schon bald kann Pahroc durch die Lüfte spazieren, später lernt er durch Wände zu gehen und für Sekunden aus Stahl zu sein, was ihm dabei hilft, auch den nächsten Krieg zu überleben. Als es ihm gelingt, Geld herbeizuzaubern, kann er endlich auch seine wachsende Familie ernähren. Pahroc gehört bald zu den Großen seines heimlichen Fachs, getarnt hinter Berufen wie Radiotechniker, Erfinder und Psychotherapeut. Im Alter von über 106 Jahren gilt seine größte Sorge der Weitergabe seiner Kunst an seine Enkelin Mathilda – und so schreibt er sein Leben für sie auf. Es ist die lebenskluge, unerhörte Geschichte eines Mannes und seiner sehr eigenen Art des Widerstands gegen die Entzauberung der Welt.

Dieses Buch ist ein Fantasy-Buch. Jawohl. Denn es handelt von einem Zauberer, einem echten. Er kann fliegen, sich unsichtbar machen, durch Wände gehen, Dinge verändern … Ich hatte ja eigentlich einen Bühnenzauberer erwartet, als ich den Klappentext gelesen hatte. Aber nein, es ist ein 'richtiger', also einer mit echter Magie im Blut.
Und dieser richtige Zauberer mit Namen Pahroc schreibt Briefe an seine Enkelin Mathilde, die zu dieser Zeit noch ein Baby ist. Sie soll die Briefe erhalten, wenn sie erwachsen ist. Zu dem Zeitpunkt, zu dem der Leser diese Schreiben zu lesen bekommt, ist das aber noch lange nicht.

Eine hübsche Idee. Und auch sehr hübsch umgesetzt. Ein wenig fehlt mir der Spannungsbogen. Alles plätschert so vor sich hin und auch die Erzählungen über die zeit im dunklen Nazideutschland sind immer irgendwie durchdrungen von dem Gefühl, dass es zwar schon ganz furchtbar war, aber so schlimm nun auch wieder nicht. Aber das ist ja ganz normal bei Briefen. Wenn man sie liest ist man sozusagen über drei Ecken dabei und entsprechend distanziert, denn das Ereignis liegt ja nicht nur in der Vergangenheit, sondern ist auch für den Schreiber schon vorbei und überstanden – eine Erinnerung an persönlich Erlebtes, das schon viele Jahre zurückliegt und sich entsprechend verändert und verklärt hat.

In seinen Briefen setzt Pahroc voraus, dass Mathilde ebenfalls magisch begabt ist, denn er hat das Baby ertappt wie es 'einen langen Arm machte'. Ob seine Annahme und all die Folgerungen, die er darauf aufbaut, auch wirklich der Wahrheit entsprechen, erfährt der Leser nie. Und das stört.
Denn man bleibt mit vielen Fragen zurück: Was ist, wenn Pahroc sich geirrt hat? Und was, wenn nicht, aber die Entwicklung der Enkelin verlief gar nicht so, wie er es sich ausgemalt hat? Was, wenn doch? Wie reagiert Mathilde, wenn sie die Briefe zu lesen bekommt?
Wenigstens Waldemar III hätte in seinem Nachwort doch ein paar Bemerkungen darüber verlieren können, was aus Mathilde wurde. Aber auch diese Chance hat der Autor nicht genutzt.

So bleibt das Buch seltsam unvollständig, und das liegt nicht daran, dass Pahroc seinen letzten Brief nicht vollenden konnte. Es fehlt einfach die Antwort. Und die ist wesentlich, um das Bild abzurunden.